Vitamin-Pillen: Hilfe oder Humbug?

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Vitamin-Pillen: Hilfe oder Humbug?

Mutter Natur kann´s besser: Experten zweifeln an Sinn und Wirkung von Mineralstoff-Pulvern und Vitamin-Tabletten.

Obst und Gemüse sind heutzutage so arm an Vitalstoffen, dass bei einer gesunden
Ernährungsweise Mangelerscheinungen drohen - das behauptet jedenfalls die Vitamin-Branche in ihrer Werbung.
Auch wer die von Ernährungswissenschaftlern empfohlenen fünf Portionen Obst und Gemüse täglich verdrücke, könne nicht sicher sein, ausreichend versorgt zu sein.
Die empfohlenen Tagesdosen an Vitaminen und Mineralstoffen seien nur mit so genannten Nahrungsergänzungspräparaten zu erreichen.
Die Schuldigen dieser Misere liefert die Pillen-Branche auch gleich mit:
"Es sind die moderne Landwirtschaft, der Anbau in Treibhäusern und der saure Regen".
Diese Faktoren zusammengenommen hätten dazu geführt, dass unsere Böden den Pflanzen heute nicht mehr genügend Mineralien liefern.

Was ist dran an diesen Warnungen?

Im Auftrag der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) hat Prof. Helmut Heseker von der Universität Paderborn die Behauptungen überprüft.
In seiner bundesweiten Experten-Befragung in 60 Forschungsinstituten kam zum genau gegenteiligen Resultat:
Im Vergleich zur angeblichen "guten alten Zeit" der Landwirtschaft werden der heutige Nährstoffgehalt der Böden von den Experten sogar höher eingeschätzt.
Der Nährstoffgehalt pflanzlicher Lebensmittel habe sich nicht verändert.
Die Daten und Fakten, auf denen die Angaben der Vitaminlobby basiert, seien spärlich, vielfach widersprüchlich und hielten einer genauen wissenschaftlichen Analyse nicht stand.
Die DGE kommt zum Schluss:
"noch nie war das Angebot an qualitativ guten Lebensmitteln so reichlich".
Sich abwechslungsreich und vollwertig zu ernähren, sei heute wesentlich einfacher und preiswerter möglich als in früheren Zeiten.
Dazu hätten die Fortschritte in der Landwirtschaft, der Anbau in Gewächshäusern auch bei ungünstigen klimatischen Bedingungen und der weltweite Handel beigetragen.
Am Nährstoffmangel in der Bevölkerung sei nicht die Landwirtschaft, sondern schlicht falsche Ernährung schuld.
Zwischen konventionell und ökologisch angebauten Möhren gebe es z.B. keine grundlegenden Unterschiede.
Es sei generell falsch, den Nährstoffgehalt einer Pflanze ausschließlich auf die Anbaumethode zurückzuführen.
Eine mindestens ebenso wichtige Rolle spielen der Zeitpunkt der Ernte, das Klima, der Pflanzabstand und natürlich die angebaute Sorte.
Dass im Freiland in der Sonne gereifte Tomaten einen höheren Vitamin C Gehalt hätten als Gewächshauspflanzen im Winter, liege an den unterschiedlichen Lichtverhätnissen.
Lediglich bei den Spurenelementen Jod und Fluorid sei ein echter Mangel in den Böden zu verzeichnen. Doch der ist nicht neu.
Ursache seien Auswaschungen im Laufe der erdgeschichtlichen Entwicklung.
"Auch eine Verarmung der Böden an Pflanzennährstoffen in intensiv landwirtschaftlich genutzten Regionen ist nicht erkennbar",
fasst Heseker zusammen.
Für die Deutsche Gesellschaft für Ernährung steht deshalb fest:
"Es gibt keinen Anlass, den Nährstoffreichtum unserer Lebensmittel in Frage zu stellen und vorsorglich zu Vitamin- und Mineralstoffpräparaten zu greifen".
Das Angebot an frischen Lebensmitteln, egal aus welchem Anbau, mache es jeden möglich, sich gesund zu ernähren.


U. Fricke, HNA-Sonntagszeitung vom 09.03.2003
  
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