Zeckenbiss: Tips für den Notfall

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Borreliose

Zeckenbiß: Tips für den Notfall

Dr. med. Rosemarie Lingscheidt-Schmidt

Wenn der Sommer nicht mehr weit ist, fürchten sich viele Menschen vor Zeckenbissen.

Wer sich dabei mit Borrelien infiziert, muss mit unangenehmen Folgen rechnen.

Umso wichtiger sind die, rechtzeitige Diagnose und die fachkundige Behandlung durch den Arzt. Doch die Betroffenen können auch selbst dazu beitragen, das Erkrankungs-Risiko zu senken. Beim Zeckenbiss denken viele an die Gefahr einer Hirnhautentzündung oder Frühsommer-Meningo-Encephalitis (FSME).

Sie wird durch Viren übertragen, die regional begrenzt, in Deutschland vor allem im Schwarzwald und im Bayrischen Wald vorkommen. Weitaus häufiger ist jedoch die Lyme-Borreliose, eine durch Bakterien hervorgerufene Infektionskrankheit, die nur den Übertragungsweg mit der FSME gemeinsam hat. Im Unterschied zur FSME gibt es gegen den Borreliose-Erreger bisher keinen Impfstoff.

Zecken fallen nicht vom Baum, sondern lauern im hohen Gras

Die im ganzen Bundesgebiet anzutreffenden Erreger der Lyme-Borreliose sind mit dem Syphiliserreger Treponema pallidum verwandt. Auch gibt es Parallelen bezüglich der Krankheitsstadien, die fließend ineinander Übergehen oder durch lange beschwerdefreie Intervalle abgegrenzt sein können. Diese neben sind der Vielfalt der klinischen Symptomatik charakteristisch für die Borreliose.

Anders als die Syphilis ist die Borreliose jedoch nicht sexuell übertragbar sondern nur durch Zecken. Die wichtigste ist Ixodes ricinus, die europäische Waldzecke. Sie benötigt mildes Klima mit hoher Luftfeuchtigkeit und lebt bevorzugt in Bodennähe in feuchtem Laub oder Moos. Dort kann Sie bei Temperaturen über zehn Grad Celsius auch im Winter aktiv werden. Lebensräume der Zecke sind Sträucher, Büsche und Gräser in Wald und Wiesen sowie Parks und Gärten, wo ihre Wirte leben: Nagetiere, Vögel, Igel, Wild und auch der Mensch.

Zecken lassen sich entgegen einer weit verbreiteten Ansicht nicht von Bäumen fallen, sondern sitzen je nach Entwicklungsstadium als Larve, Nymphe oder ausgewachsene Tiere in Höhen bis 1,50 Metern und werden vom Fell oder der Kleidung eines potentiellen Wirtes abgestreift. Hat die Zecke einen Wirt gefunden, sucht sie nach einer dünnhäutigen, warmen Körperstelle, um dort zustechen. Dieser Vorgang kann einige Tage dauern und bleibt vom Wirt oft

bemerkt. Das aufgenommene, verflüssigte Wirtsgewebe wird im Zeckendarm eingedickt und unter Beigabe von Speichel in die Wunde zurückgepumpt. So können auch Krankheitserreger wie die Borrelien aus Speicheldrüse und Darm des Tieres in den Wirt gelangen.

Ob es beim Menschen zum Krankheitsausbruch kommt, hängt entscheidend vom Immunstatus des einzelnen ab. Viele Infektionen werden von der körpereigenen Abwehr bereits im Keim erstickt. Eine Infektion mit Borrelien löst daher nicht automatisch eine Borreliose-Erkrankung aus. Sie bedeutet definitionsgemäß nur den Kontakt mit einem Krankheitserreger, hinterläßt aber keine Immunität.

Deshalb ist das Risiko , nach einem Zeckenstich an einer Borreliose zu erkranken, deutlich geringer als das Infektionsrisiko. Während etwa 30 Prozent der Zecken mit Borrelien durchseucht sind, liegt das Erkrankungsrisiko für den Menschen bei rund zehn Prozent.

So können Sie das Risiko einer Infektion senken

Durch folgende Sofortmaßnahmen nach dem Zeckenbiß können Betroffene ihr Infektionsrisiko weiter senken:

Die Zecke muss schnell entfernt werden.

In den ersten zwölf Stunden werden selten Borrelien übertragen.

Nach 24 Stunden steigt das Übertragungsrisiko jedoch deutlich an.

Die Zecke darf nicht gequetscht werden.

Herkömmliche Zeckenzangen sind oft zu grob. Wird der Körper der Zecke gequetscht, werden gegebenenfalls vorhandene Borrelien förmlich in die Haut injiziert. Empfehlenswert zur Entfernung sind leicht gebogene Splitterpinzetten oder ein Skalpell.

Die Zecke sollte ohne Drehung her ausgezogen werden.

Es steigt sonst die Wahrscheinlichkeit für ein eventuelles Abreißen des Saugrüssels. Dies ist jedoch kein Problem denn der Saugrüssel kann nach Desinfektion später wie ein Splitter entfernt werden. Bei der Entfernung der Zecke sollte auf keinen Fall Öl oder Klebstoff verwendet werden. In Panik geratene Zecken könnten sonst noch größere Mengen ihrer Körperflüssigkeit in die Wunde abgeben.

Jeder Zeckenstich sollte dokumentiert, die Einstichstelle gelassen beobachtet und die Zecke gegebenenfalls auf Borrelien untersucht werden.

Sollte es trotz der beschriebenen Vorsichtsmaßnahmen zu einer Borrelien-Infektion kommen, lassen sich drei Stadien unterscheiden, die auch therapeutisch von großer Bedeutung sind.

Stadium I (Frühstadium):

Nach dem Zeckenstich entwickelt sich bei etwa 60 Prozent der Betroffenen eine ringförmige Hautrötung um den Einstich, das sogenannte Erytherna migrans (Wanderröte). Es gilt als klinischer Nachweis für eine Infektion. Tritt auch ohne Hautveränderung Fieber auf, verbunden mit Schweißausbrüchen, Abgeschlagenheit, Gelenk- und Muskelschmerzen, so ist dies ein klares Zeichen für die Streuung der Erreger über Blut und Lymphe (Generalisierung).

Stadium II (Wochen bis Monate nach Infektion):

Wurde die Infektion bis zu diesem Stadium nicht behandelt und ist die Immunabwehr des Erkrankten ohnehin geschwächt verteilen sich die Borrelien über Blut- und Lymphbahnen im ganzen Körper Dort entwickeln Sie oft eine besondere Vorliebe für Strukturen und hohen Anteil an kollagenen Fasern wie Sehnen, Gelenke, Bänder und Muskelgewebe.

Neben den bereits beschriebenen Allgemeinsymtomen entwickeln sich Störungen des gesamten Bewegungsapparates mit Empfindungs- und Bewegungsausfällen und neuralgieartigen Beschwerden. Es kommen außerdem Ausfälle im Bereich der Hirnnerven vor etwa in Form einer Lähmung der Gesichtsnerven. Auch die Entwicklung einer Neuroborreliose mit Befall des zentralen Nervensystems als Sonderfall tritt in circa zehn Prozent der Fälle auf.

Außer Bewegungsapparat und Nervenstrukturen ist schwerpunktmäßig oft das gesamte Herz-Kreislauf-System betroffen. Herzbeschwerden mit vorübergehender Funktionsschwäsche des Herzmuskels und anfallartigen Rhythmusstörungen sind möglich. Kombiniert sind diese Symptome oft mit vegetativen Dysfunktionen wie Blutdruckschwankungen, Konzentrations- und Schlafstörungen und funktionellen Magen-Darm-Beschwerden.

Während dieser Generalisationsphase beginnt das körpereigene Immunsystem, den Erreger zu bekämpfen und ihre Zahl durch die zelluläre Immunantwort zu reduzieren. Deshalb setzen sich die Borrelien an Stellen des Körpers fest, die vom Immunsystem schlecht erreicht werden können. Hier überdauern Sie in geringer Zahl und können in unregelmäßigen Abständen zu einem Wiederaufflammen der Krankheitssymptome führen. Monate bis manchmal Jahre nach der Erstinfektion beginnt dann das chronische Stadium der Erkrankung.

Stadium III:

Typisch für diese Phase sind von Gelenk zu Gelenk springende Entzündungen, Muskelreizungen, Knochen- und Weichteilschmerzen und -als Begleitsymptome - chronische Nervenentzündungen. Vereinzelt finden sich auch Krankheitsbilder mit Schlaganfallsymptomatik. Bei kernspintomographischen Untersuchungen können

Herdbefunde sichtbar werden, die von anderen entzündlichen Herdprozessen, zum Beispiel der Multiplen Sklerose, nicht zu unterscheiden sind. Darüber hinaus sind oft Haut und Sinnesorgane mitbetroffen, was die Diagnosestellung der chronischen Borreliose zusätzlich erschweren und zur Verwechslung mit anderen Krankheitsbildern führen kann.

Negativer Blutbefund schließt Borreliose nicht immer aus.

Die Diagnose wird immer nach einer gründlichen Befragung des Patienten aufgrund des klinischen Bildes und des Nachweises spezifischer Antikörper im Blutserum gestellt. Alle bekannten Tests (ELISA, IFT und Western-Blot) zeigen jedoch nur, ob der Mensch Kontakt mit dem Erreger hatte und eine Immunantwort in Form von Antikörperbildung entwickeln konnte. Selbst die Auftrennung in Antikörper-Gruppen vorn Sofort- oder Spättyp läßt eine Interpretation des Stadiums der Erkrankung nur bedingt zu.

Auch ein negativer Blutbefund schließt eine Borreliose nicht aus!

Nach erfolgter Borrelien-Infektion tritt eine messbare Reaktion des Immunsystems erst verzögert auf. Im allgemeinen lassen sich auch bei klinischen Beschwerden bis circa zwei bis vier Wochen nach der Infektion keine Antikörper nachweisen.

In der Frühphase der Infektion darf die Entscheidung zur Prophylaxe oder Therapie mit Antibiotika nicht vom Blutbefund abhängig gemacht werden, sondern muss sich nach den Beschwerden des Patienten, dem körperlichen Allgemeinzustand und gegebenenfalls einem Erregernachweis in der Zecke richten, weil sonst wertvolle Zeit vergeudet wird.

Generalisierung der Erreger auf jeden Fall verhindern

.

Entscheidend für die Planung der Therapie ist das Krankheitsstadium, in dem sich der Patient befindet. Im Frühstadium empfehle ich meist eine hochdosierte, mehrwöchige orale Therapie mit bewährten Antibiotika wie Doxycyclin oder Amoxicillin. Die lange Einnahmezeit kann notwendig sein, weil die Borrelien jeden Monat einen Generationszyklus durchlaufen und kürzere Antibiotika-Gaben nicht alle Erreger abtöten würden. Bei der Schwere der möglichen

Spätschäden wäre es grob fahrlässig dieses Risiko einzugehen.

In späteren Stadien gilt die Infusionstherapie mit Cephalosporinen als Methode der Wahl. Sie sollte je nach Verlauf und Beschwerdebild bis zur Beschwerdefreiheit mehrfach wiederholt

werden. Bei jeder Antiblotikagabe ist im Interesse des Patienten eine Individuelle Verträglichkeitsprüfung notwendig.

Die beste Therapie der Lyme-Borreliose besteht indes darin, eine Generalisierung der Erreger zu vermeiden Hier sollte der Nutzen eines frühzeitigen Einsatzes wirksamer Antibiotika im Vordergrund stehen. Unabhängig von der Diskussion über Sinn und Unsinn von Antibiotika ist es für den Verlauf der Erkrankung wichtig, daß sich der Behandler nicht nur auf die Bekämpfung der Erreger fixiert. Es gilt außerdem, das körpereigene Immunsystem zu unter-

stützen und die Selbstheilungskräfte zu aktivieren.

Beispiel 1:

Eine 20jährige Frau bemerkte zwei Tage nach einem Waldspaziergang eine Zecke in der linken Leistengegend. Einen Tag später suchte Sie ihren Hausarzt auf, der die Zecke entfernte und zwei Wochen später einen Borrelien-Suchtest durchführte, der negativ ausfiel. Eine Hautveränderung war bis zu diesem Zeitpunkt nicht aufgetreten. Weitere zwei Wochen später kam die Patientin in meine Praxis. Außer einer ausgeprägten Müdigkeit wies Sie weder

Hautveränderungen noch Allgemeinsymptome auf. Das Labor ergab eine mäßige Vermehrung der weißen Blutkörperchen und eine beschleunigte Blutsenkung, der Borrelien-Test war negativ.

Aufgrund der Anamnese (Verweildauer der Zecke länger als 24 Stunden) und der leichten klinischen Symptomatik empfahl ich ihr eine vierwöchige Therapie mit 200 mg Doxycyclin pro Tag. Dazu verordnete, ich ein Antioxidans (aus den Vitaminen A, C, E und Selen) zur Stärkung des Immunsystems und ein Lactobacillus-Präparat zur Regeneration der Darmflora.

Bei der Kontrolle nach vier Wochen waren Blutbild und Blutsenkung in der Norm. Der Borrelien-Test war deutlich positiv. Das Allgemeinbefinden der Patientin hatte sich wieder normalisiert, weitere Beschwerden sind bis heute nicht aufgetreten. Zwar hatte offenbar

eine Infektion mit Borrelien stattgefunden, doch durch rechtzeitige Therapie wurde eine Generalisierung verhindert.

Beispiel 2:

Eine 50jährige Frau kam Anfang des Jahres 2001 mit der Diagnose einer chronischen Borreliose in meine Praxis. Mehrfache Infusionszyklen mit Cephalosporinen hatten zu keinem

dauerhaften Behandlungserfolg geführt. Trotz Antibiotika-Einsatz kam es zu rezidivierenden Gelenk- und Muskelschmerzen mit Mißempfindungen und motorischen Ausfällen insbesondere im Bereich der oberen Extremität. Im Vordergrund standen subjektiv vor allem Übelkeit, Schwindelattacken und Verdauungsprobleme. Eine wachsende Allergiebereitschaft auf Antibiotika und andere Medikamente hatte die Therapie erschwert.

Die Untersuchung ergab eine ausgeprägte Infektanämie (Blutarmut) mit Verminderung der Lymphozyten und Blutplättchen. Im Blut/Labor waren eine chronische Belastung durch Chlamydien, Epstein-Barr- und Herpes zoster-Viren, eine chronische Amalgamvergiftung und Candidosis (Hefepilzbefall) nachweisbar. Bei diesem komplexen Krankheitsbild lag es nahe, auf die Grundprinzipien der Naturheilkunde zurückzugreifen.

Empfohlen wurde eine ovo-lacto-vegetabile Kost mit wenig Fett und Zucker, eine Ergänzung mit Lactobacillus-Präparaten und Antioxidantien, Magnesium zur neuromuskulären Stabilisierung und Eisen zur Behandlung der Anämie. Dazu kamen regelmäßige Spaziergänge und Krankengymnastik zur Lymphaktivierung und besseren Beweglichkeit, unterstützt durch Körperakupunktur als Schmerztherapie. Außerdem wurden entzündungshemmende Enzyme und Ginkgo-biloba zur Durchblutungsförderung in Kombination mit einer homäopathischen Konstitutions- und Ausleitungstherapie eingesetzt. Die kritische Betrachtung und (Neu-)Strukturierung der Lebenssituation und eine Gesprächs- therapie gaben Denkanstöße, um trotz chronischer Erkrankung die Selbstheilungs- kräfte zu aktivieren. Dank der genannten Maßnahmen wurden die motorischen Ausfälle seltener und die Gelenkbeschwerden nahmen ab. Infektneigung, Müdigkeit, Kopfschmerzen und Magen-Darm-Symptome sind ebenfalls rückläufig. Auf den erneuten Einsatz von Antibiotika konnte bis heute verzichtet werden. Durch die schrittweise Verbesserung der gesundheitlichen Situation und die Entwicklung einer optimistischen Grundhaltung hat sich die Lebensqualität der Patientin deutlich erhöht. Sie hat gelernt, sich mit der chronischen Erkrankung auf einem lobenswerten Niveau zu arrangieren.

Weiterführende Literatur:

P R. Braun, P. Kimmig, D. Hassler.- Zecken - Kleiner Stich mit bösen Folgen

Ehrenwirth, Bergisch Gladbach, 2001

P D. Hassler (Hrsg.): Fortschritte der Infektiologie-, Lyme-Borreliose

Urban & Vogel, München, 1992

H. Horst (Hrsg.): Einheimische Zecken-Borreliose (Lvme-Krankheit) bei Mensch und Tier Spitta, Nürnberg, 1997

Dr. med. Rosemarie Lingscheidt-Schmidt.
Medizinstudium in Bonn und Marburg
Promotion in lmmunolgie (Krebsforschung).
Danach tätig an den Städtischen Kliniken, Kassel, als Arbeitsmedizinerin und Vertragsärztin.Weiterbildung in Naturheilverfahren, Ernährungsmedizin, Psychosomatik und Akupunktur.
1992 Eröffnung einer Praxis für Ernährungsberatung,
Seit 1999 außerdem Privatpraxis für Allgemeinmedizin

Artikel ist erschienen in der Zeitschrift Naturarzt, Ausgabe 4/2002

  
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