Beratende Funktion in der Selbsthilfe - ein lohnender Weg zur Krankheitsbewältigung, Studienarbeit von M. Welzel, Wolfenbüttel

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Beratende Funktion in der Selbsthilfe - ein lohnender Weg zur Krankheitsbewältigung?

Die schwierige Herausforderung der (zumeist auch selbst- betroffenen) Laien
in der beratenden Funktion innerhalb der Selbsthilfe im Gesundheitswesen am Beispiel der
Selbsthilfegruppe Borreliose SHG Kassel - Stadt und Land e. V.

Hausarbeit zur Vorlesung Aspekte von Beratung im
LERNBEREICH 4: Handlungsstrategien
(methodische Verfahren, Handlungskompetenz und Handlungslegitimation)
bei Herrn Prof. Dr. Dipl.-Psych. Hans-Joachim Schwartz

von: Marianne Welzel (Matrikel-Nr.: 9980639)
Wintersemester 2003/4
Inhaltsverzeichnis:

Einleitung
1. soziale Selbst- Hilfe
1.1. Kampfbegriff: soziale Selbsthilfe
1.2. Historie der sozialen Selbsthilfe
1.3. Selbsthilfe im Gesundheitswesen
1.4. Selbsthilfe- Borreliose
2. Krankheitsbewältigung ( Coping )
2.1. Was ist eine Krise?
2.2. Formen von Krisen
2.2.1. Entwicklungs- oder Veränderungskrisen
2.2.2. Plötzliche traumatische Krisen
2.2.3. Suizidale Krisen
2.3. Chronifizierung einer traumatischen Krise
2.4. Was ist zu berücksichtigen bei einer chronifizierten traumatischen Krise?
2.5. Im Sinne der self- care, was ist zu tun?
2.6. Belastung für den Berater
2.7. Von Krisen, Grenzen und Regeln
2.8. Krise: Borreliose
3. Systemische Krisenintervention und Krisenbegleitung
3.1. Lebenskrisen
3.2. Systemisch - konstruktives Denken und Handeln
3.3. �Wirklichkeiten�
3.4. Lebende Systeme - wie Leben sich selbst erzeugt: Die Theorie autopoietischer Systeme
3.5. Kommunikation
3.6. Praktische Anwendung der Krisenbegleitung
3.6.1. Klärung des Kontextes
3.6.2. Auftragsklärung
3.6.3. Rekontextualisierung und Umdeutung der Krise
3.6.4. Ressourcenorientierung
3.6.5. Gestaltung des Lösungsraumes
3.6.6. Abschluss der Krisenbegleitung
3.7. Borreliose-Beratung
4. Beratende Funktion in der Selbsthilfegruppe Borreliose SHG Kassel Stadt & Land e.V. für Erkrankte und deren Angehörige
4.1. Die Gründer- wer sind sie?
4.1.1. Welche eigene Motivation führte zur Gründung der Selbsthilfegruppe?
4.1.2. Beratende Funktion, ein lohnender Weg für die Gründer zur eigenen Krankheitsbewältigung?
4.2. Was für eine Erkrankung ist Borreliose?
4.3. Was leistet alles die SHG?
4.4. Wo bezieht die SHG ihre Grenzen?
4.5. Welche Schwierigkeiten haben sich gezeigt?
4.6. Welche Erfolge sprechen für diese SHG?
4.7. Welche Ziele hat die SHG für die Zukunft?
4.8. Beratung durch und in der Selbsthilfegruppe, Statistiken belegen ihren Erfolg. Was ist ihr Geheimnis?
4.9. Fazit
5. Quellennachweise und Literaturverzeichnis
6. Anhang

Einleitung

Deinen müden Augen bringe ich eine Vision
einer andersartigen Welt,
so neu und frisch und sauber,
dass sie den Kummer und den Schmerz
über das bisher Gesehene vertreiben kann.
Aber dies ist eine Vision,
die du mit allen teilen musst,
denen du begegnest,
denn sonst wirst du sie nicht erblicken.
Dies Geschenk wird dein eigen, wenn du es weiterreichst.
Aus:A Course in Miracles (Ein Kurs in Wundern)

Ist die beratende Funktion in der Selbst- Hilfe ein lohnender Weg zur eigenen Krankheitsbewältigung?
Um ein besseres Verständnis für die Situation der selbst betroffenen Laien in beratenden Funktionen,
zu denen ich selber auch gehöre, in Selbsthilfengruppen zu bekommen, versuchte ich, für mich,
zunächst einmal verschiedene Aspekte dieser Fragestellung zu erforschen und bemühte mich herauszufinden,
es interessierte mich vor allem:

Wie definiert sich Selbst- Hilfe?
Wie ist die Historie dieser Gruppen?
Und welche Bedürfnisse und Anforderungen haben sich an sie und aus ihr heraus entwickelt?
Welches sind ihre zentralen Themen?
Was führte sie zusammen?
Im besonderen die Selbst-Hilfe im Gesundheitsbereich.
Was sie verband und verbindet, ihre Gemeinsamkeiten, die Erkrankung der Betroffenen und damit verbunden auch ihr Versuch, der Bewältigung soweit als möglich und zumindest eine Verbesserung in ihrer Lebensqualität und alle damit ausgehenden Problematiken die diese Auseinandersetzungen ihnen und ihren Angehörigen abfordern.
Ist der Versuch der Krankheitsbewältigung oder zumindest die Verbesserung der Lebenssituation der astrale Aspekt der treibende Motor der Selbsthilfegruppen im Bereich des Gesundheitswesens?
Gibt es einheitliche Erklärungsmodelle bei der Bewältigung von Lebenskrisen, somit auch schweren, ob akut oder chronisch, Erkrankungen?
Krisenintervention und Krisenbegleitung -Was bedeutet es in einer Gruppe von völlig unterschiedlichen Menschen mit völlig verschiedenen Bedürfnissen und Interessen aus völlig verschiedenen Lebenssystemen die nur durch eines verbunden sind: ihr gemeinsames Leid ihrer Erkrankung oder das ihrer Angehörigen? Als ich anfing in der Literatur für meine Hausarbeit zu recherchieren, konnte ich auch nicht nur ansatzweise im geringsten im voraus erahnen, auf was ich mich da eingelassen hatte. Ich fand es äußerst spannend ein Hintergrundwissen zu entdecken das mir bis dahin verschlossen war.

1. Soziale Selbst-Hilfe

Selbsthilfegruppen entstehen insbesondere dort, wo die Bedürfnisse von Menschen mit chronischen Erkrankungen, Behinderungen oder psychischen Problemen weder von der Familie oder dem Freundeskreis noch vom professionellen Versorgungssystem ausreichend abgedeckt werden.
Ohne die Aktivitäten der Selbsthilfe wäre das Gesundheitssystem um einen bedeutsamen Anteil ärmer.
Ihr Nutzen für Effizienz und Qualität in unserer Gesellschaft ist unumstritten und unverzichtbar.
Die Gesundheitsreform 2000 hat dies nachhaltig bekräftigt. Folgerichtig hat der Gesetzgeber vorgesehen, dass Selbsthilfegruppen, -organisationen und -Kontaktstellen gefördert werden sollen, wenn ihre Aktivitäten auf die Prävention oder Rehabilitation bestimmter Erkrankungen erzielen (Rolf Stuppert, Vorstandsvorsitzender des IKK Bundesverbandes).
Im gesamtgesellschaftlichen Kontext wird die beratende Funktion der Selbsthilfegruppen mehr denn je gefordert.
Unser deutscher Sozialstaat ist durch zwei Prinzipien geprägt. Das Solidaritäts- und das Subsidiaritätsprinzip.
Das Solidaritätsprinzip beinhaltet, dass die Mitglieder einer Gesellschaft eine gegenseitige Fürsorgepflicht einander haben. Es ist eine vorgegebene und erwünschte Norm für das Verhalten des Einzelnen in unserem Staatssystem. Dieses Verhalten ist unabdingbar für die Gestaltung und Formung im sozialen Gemeinwesen. Für die sozialstaatlichen Versorgungsleistungen gilt dieses Prinzip als Grundlage!
Das Subsidiaritätsprinzip regelt die Reihenfolge, in welcher die einzelnen Systeme sozialer Versorgung in Notfällen einzugreifen haben. Es gibt vor, was kleine einzelne Institutionen ( z. B. Familien, Verbände, Gruppen) oder Körperschaften ( z. B. Kirchen, Gemeinden Länder) aus eigener Kraft tun können. Diese Form der Autonomie darf ihnen nicht von einer übergeordneten Instanz, zum Beispiel der des Staates, entzogen werden, so dass diese Kompetenz dem jeweiligen Lebenskreis erhalten bleibt.
Aus den unterschiedlichsten Gründen worden und werden Gruppen gegründet, ob zur Abdeckung der Lücken, welche das System des Staates schuf, deren Ausgleichung und Ergänzung seinen Bürgern überließ, oder anderen Formen, die bis dahin nicht berücksichtigt wurden, sei es, als die sich ändernden Lebensstile, welche sich im Laufe wandelnder Lebensgewohnheiten und Richtungen neu auftaten.

Im Gesundheitssystem reicht die professionelle Hilfe, wie es scheint, nicht aus, so dass die Form der Selbst Hilfe hier einen erneuten Versuch unternimmt , teilweise auch eine Lösung fand und findet diese Lücken zu schließen und Bedürfnisse abzudecken.

Sich nicht aufgehoben fühlen in ausschließlich professioneller Hand mag nur einer der Gründe sein, wenn auch ein wesentlicher. Eines der Hauptziele der Selbst Hilfe wurde somit das der Krankheitsbewältigung ( Coping ). In den Gruppen erfährt man Verständnis, Zeit und Austausch von Informationen, ein einander annehmen und Akzeptanz.

1.1.Kampfbegriff: soziale Selbsthilfe

Eine Erklärung dieses Begriffs kann vermutlich wohl nur als historische Retrospektive vorsichtig angetastet werden. Ist dieser Begriff doch wohl eher aus einer zeitabhängigen Sicht zu betrachten.

Ich möchte hierzu einige Autoren zitieren:

Christian Marzahn, Professor für Sozialpädagogik an der Universität Bremen, deutet die Selbsthilfe aus dem Geist der endsechziger Jahre als aktive und aktivierende Weiterentwicklung des Partizipations - ( Teilhabe- und Teilnahme-) Begehrens weiter Kreise der jungen Bevölkerung in der Bundesrepublik Deutschland am politischen und sozialen Geschehen.

Horst Eberhard Richter, Arzt, Therapeut und Hochschullehrer betrachtet es als eine Art neue Alternativkultur, welche sich unterstützend in das Lebensgeschehen des Menschen einmischt, die an den Rand der Gesellschaft gedrängt worden sind und deren Anhänger aus eigenen Kräften und ohne berufliches Mandat versuchen, den Alltag wieder menschenwürdiger zu gestalten.

Heinze, Olk und Hilbert, versuchen in einer Analyse des Sozialstaates und seiner Reformperspektiven die neuen Selbsthilfegruppen gegen das alte Ehrenamt anzugrenzen. Prinzipien ihrer sozialpolitischen Aufwertung und Förderung zu beschreiben.

Chrisstoph Sachße, Professor für Sozialwesen in Kassel, klärt schließlich einen der Zentralbegriffe zum Verständnis des bundesrepublikanischen welfare mix: die Subsidiarität - ursprünglich ein Prinzip katholischer Sozialrechts -Lehre, das der kleine, überschaubaren, dem Klienten nächsten (religiösen) Gemeinschaft die Pflicht ( und vor allem das Recht) auferlegt (bzw. gewährt), mit staatlicher Unterstützung zu helfen.

Brigitte Runge, Sozialforscherin und Fritz Vilmar, Friedensforscher, registrieren und etikettieren in einer weitgespannten empirischen Untersuchung die Vielfalt sozialer Selbsthilfen, erarbeiten undogmatisch ihre unterschiedlichen Wesenszüge und Aktionsbereiche heraus: -Lebenswelt: Wohnen und Umwelt -Arbeitswelt -Freizeit, Bildung und Kultur -Benachteiligte -Diskriminierte -Behinderte und Kranke.

Der Dachverband -Deutsche Arbeitsgemeinschaft Selbsthilfegruppen- definiert die Selbsthilfegruppen wie folgt: Selbsthilfegruppen sind freiwillige, meist lose Zusammenkünfte von Menschen, deren Aktivitäten sich auf die gemeinsame Bewältigung von Krankheiten, psychischen oder sozialen Problemen richten, von denen sie - entweder selber oder als Angehörige - betroffen sind. Sie wollen mit ihrer Arbeit keinen Gewinn erwirtschaften. Ihr Ziel ist eine Veränderung ihrer persönlichen Lebensumstände und häufig auch ein Hineinwirken in ihrer soziales und politisches Umfeld. In der regelmäßigen, oft wöchentlichen Gruppenarbeit betonen sie Authentizität, Gleichberechtigung, gemeinsames Gespräch und gegenseitige Hilfe. Die Gruppe ist dabei ein Mittel, die äußere ( soziale, gesellschaftliche ) und die innere ( persönliche, seelische ) Isolation aufzuheben. Die Ziele von Selbsthilfegruppen richten sich vor allem auf ihre Mitglieder und nicht auf Außenstehende, darin unterscheiden sie sich von anderen Formen des Bürgerengagements. Selbsthilfegruppen werden nicht von professionellen Helfern geleitet; manche ziehen jedoch gelegentlich Experten zu bestimmten Fragestellungen hinzu.

Dies veranschaulicht uns, in welcher Vielfältigkeit sich das soziale Engagement der Bürger entwickelt hat. In der Soziale- Selbsthilfe vollzieht sich also zum einen Problembewältigung auf psychischer und sozialer Ebene und doch auch zum anderen ist es ein weiterer Aspekt, die Lebensumstände der Gruppenteilnehmer auf politischer und gesellschaftlicher Ebene zu verbessern.

Ferner sind Selbsthilfegruppen keine Dienstleistungserbringer. Es basiert auf gegenseitigem Geben und Nehmen.

1.2. Historie der sozialen Selbsthilfe

Benannt als die -Neue Selbsthilfebewegung- entwickelte sie sich aus der Bürgerinitiativbewegung Ende der 60er Jahre. Nach ihrem eigenem Selbstverständnis charakterisierte sie sich durch folgende Merkmale:
bewusste Orientierung am Arbeitsprinzip der Kleingruppe Betonung der Autonomie der Gruppe in der Festlegung von Zielen und Arbeitsweisen Betonung des Laienelements bzw. Ablehnung der Expertendominanz.

Als ihre Vorläufer gelten die Studentenbewegung, insbesondere die -Außenparlamentarische Opposition-, sie verdanken sich dieselben, die Bereitschaft zu kritischer Reflexion und politischer Aktion fördernden gesellschaftlichen und historischen Konstellationen und Erfahrungen.
Die Rezession von 1966/67 erschütterte erstmalig und nachhaltig das Vertrauen der Bürger in eine dauerhafte und krisenfreie Entwicklung in der sozialen Marktwirtschaft. Privater Eigentum und hochkonzentrierter Reichtum auf der einen Seite und die Defizite in der Bildungs-, Gesundheits-, Sozial-, Verkehrs- und Wohnungsversorgung auf der anderen Seite schufen ein scheinbar nicht überbrückbares Missverhältnis.
Reproduktionsbedingungen, die nicht durch private Kaufakte auf dem Markt zu erwerben waren, sondern nur in vergesellschafteter Form aufzubringen oder zu organisieren waren, waren besonders stark gefährdet. Hinzu kam der wachsende Zweifel an der Wahrnehmung der Interessen der Bevölkerung durch die hierfür legitimierten Organe des Staates. Der Bürger fühlte sich übergangen und verraten. Die regierenden Parteien erwiesen sich zunehmend als unsensibel den neu wachsenden Bedürfnissen seiner Wähler gegenüber. Ein großer Teil der Bevölkerung wurde zutiefst davon betroffen.
In der großen Koalition von 1968 gipfelte ihre programmatische Konvergenz. Sie bekämpften Anstelle die daraus gewachsenen Probleme zu bekämpfen bekämpften sie die immer lauter werden Unmutsbekundungen, welche in den Studentenunruhen gipfelten.
Die mächtigen Interessen der Minderheit dominierten über denen der schwach artikulierten der Mehrheit. Die Verwaltungsmaschinerie erschien als allgegenwärtig, unflexibel, ineffizient, undurchschaubar, arrogant und obrigkeitlich. Aus dieser Situation heraus steigerte sich zwangsläufig die Bereitschaft einzelner Bürger ihre Angelegenheiten selbst in die Hand zu nehmen um sich ihre Autonomie zu bewahren.

1.3. Selbsthilfe im Gesundheitswesen

Selbsthilfegruppen im Bereich des Gesundheitswesens sind verbunden durch die Gemeinsamkeit einer körperlichen und / oder einer seelischen, zumeist chronischen, zumeist traumatischen Krise. Teilweise sind die Folgen so gravierend dass sie irreparabel scheinen oder sogar mit einer Verschlechterung des Zustandes mitunter bis zum Tode hin gerechnet werden muss.
Der Körper ist immer auch sozialer Leib eines Menschen, mit und durch den er stets auch Erleben, Erfahrung und Interaktion stattfinden lässt. Bei körperlichen Dysfunktionen, aus welchem Grund auch immer, ist nicht nur der physische Leib der Betroffene, sondern damit auch der psychische, der die Erfahrungen begreifen und werten muss und möglicherweise darunter leidet oder sie genießt.
Chronische Erkrankungen stellen den Betroffenen und / oder deren Angehörige vor eine große Neuorientierung im Alltag je nach dem Schweregrad der Erkrankung, sind nicht selten erhebliche Einschränkungen in der üblichen Lebensqualität zu verzeichnen.
Das Miteinander mit den Mitmenschen wird für den Erkrankten zunehmend komplizierter, oft vermisst er das Verständnis der Nicht-Betroffenen in seiner gesonderten veränderten neuen Lebenssituation. Was sich aber im sich verändernden Umgang mit den Mitgliedern seines Lebenssystems bemerkbar macht, wirkt sich dann auch unmittelbar auf sein eigenes Empfinden und die Definition über sein Selbst aus. Die psychischen Auswirkungen bei chronisch Kranken zeigen sich häufig in latent bis hin zu massiven vorhandenen Angstformen auf.
Angst vor Verschlechterung des Zustandes, vor der Zukunft oder sogar vor dem Tod.
Depressionen und psychische Labilität als Folge einer eintretenden Resignation können Zweifel am Lebenssinn, an der eigenen Identität wecken und nähren, das nicht mehr klar sich Erkennen können, zu zweifeln, wer man ist.

Die Selbsthilfegruppe schafft für viele erstmalig ein vertrauliches, dennoch aber öffentliches Forum in denen man sich über die verunsichernden Erfahrungen austauschen kann. Die Gruppe hilft , den oft schon selbst abgelehnten eigenen Körper, den verweigerten psychischen und sozialen Leib, erneut anzunehmen zu lernen und sich endlich selber wieder ernst zu nehmen. Es ist oft sehr erleichternd zu erfahren, dass die erlebten Ereignisse nicht nur einem selber widerfahren sind.
Die häufigste Frage: -Warum gerade ich?- findet hier zwar keine Antwort, aber das Wissen, dass man nicht allein mit der Krankheit da steht, ist oft der erste Schritt aus der Isolation und zur Neuorientierung.
Das Gefühl der Gemeinsamkeit durch die Erkrankung schafft eine Basis gegenseitigem Respekts und Vertrauens.
Im Gegenzug zur professionellen Therapie, decken die Mitglieder in der Gruppe die Bedürfnisse des Betreffenden meist schneller und ohne großen Terminaufwand, die umständliche Verwaltung der professionellen Hilfe entfällt hier.

Professionelle Hilfeleistungen finden in der Medizin und Psychotherapie auf der Basis der spezifischen Fiktion statt. Diagnose und Therapie von Erkrankungen und Störungen der Betroffenen werden geleistet durch die Hilfe der professionell gebildeten Therapeuten und Ärzte, die aufgrund ihrer Ausbildung über Kenntnisse und Fertigkeiten verfügen, welche dem Laien unzugänglich und daher oft unverständlich sind. Dem Patienten wird nur allzu oft das Gefühl seiner Unzulänglichkeit und Unfähigkeit vermittelt.
In der Dialektik von Diagnose und Therapie hat diese Fiktion eine ritualisierte Ausformung erhalten.
Beim Betreten der Praxis beginnt ein Ritus, welchen beide Seiten wohl kaum zu durchbrechen wagen. In nonverbaler Absprache eröffnet sich der Klient zunächst voraussetzungslos den Fragen und Untersuchungen des Therapeuten, so dass dieser auf der Basis der anerkannten allgemeinen Gesetzmäßigkeit die -Diagnose- ausformuliert und im Anschluss die spezifische Lösung, seine Heilungstheorie erstellt. Wesentlich in diesem Prozess ist die Delegation der Eigenverantwortlichkeit an den Therapeuten und die dadurch resultierende Abhängigkeit.

Anders als in der Selbsthilfegruppe, wo jeder gleicher maßen als Experte gilt, besteht hier die Form des Wissenden und des Ahnungslosen. Sie führt zwangsläufig zu weitreichenden Veränderungen der Selbstwahrnehmung.
Die Auflösung dieser Abhängigkeit wird unter den gegenwärtigen Rahmenbedingungen professioneller Therapie durch wesentliche Bedingungen erschwert:

1.Der ökonomische Gewinn durch Ausdehnung der diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen über das notwendige hinaus im Interesse der Einkommenssicherung
-Der Therapeut verdient an der Krankheit und nicht an der Gesundung-

2.Der Statusgewinn, wenn die eigenen Fähigkeiten weit über die tatsächliche Möglichkeit hinaus von den Klienten mit Hoffnung besetzt werden und der soziale Machtgewinn in der einer sozialen Kontrolle entzogenen Therapeut- Klient- Dyade (-Halbgott-).
Die -Therapeuten - Ideologie- besteht nach J. Mc Knight aus einer dreistufigen Sentenz:
- Du hast das Problem - Ich habe die Lösung für Dein Problem - Also hilft es dir, wenn ich möglichst mächtig bin.

In den Selbsthilfegruppen haben beide das gleiche Problem und beide die gleiche Kompetenz. Der Betroffene erfährt nicht das Gefühl der Ohnmacht dem Ratgebenden gegenüber. Er findet in seinem Gegenüber jemanden, der ihn versteht, welcher mit der gleichen Krankheit behaftet ist. Sie finden eine gemeinsame Basis der Kommunikation und des Verständnisses und schaffen somit eine Basis des Vertrauens und des gegenseitigen Respekts.
Der Ratsuchende wird nicht entmündigt. Es besteht die gegenseitige Akzeptanz und Annahme einander.

-In die säkularisierte Welt kehrt massenhaft der liebe Gott zurück- zunächst als Achtel-, Viertel-, oder Halbgott, schließlich höchstpersönlich, um bei der Reinkarnationstherapie sein Geheimnis des Lebens zu lüften. Aus aufmüpfigen Bürgern wird wieder eine Herde von Schafen, die ihren Hirten folgen.- Eberhard Göpel.
Der Patient sobald er sich in professionelle Hände begibt, aber fühlt sich zunehmend immer weiter durch unser momentanes Gesundheitssystem entmachtet. Durch das Versicherungssystems ist er zwar weitestgehend finanziell entlastet, wobei wir ja gerade zur Zeit immer mehr Einschränkungen erfahren, Erkrankungen werden als schicksalhaft etabliert, auch er ist an eine gemeinschaftliche Unterstützung an Beitragsleistungen gekoppelt, die öffentlichen Diskussionen und politischen Entscheidungen wurden durch ein bürokratisches Regelsystem ersetzt, aber präventive Maßnahmen wurden als dem Versicherungsprinzip wesensfremd ausgeschlossen und die Leistungen auf individuelle Therapiemaßnahmen verstärkt eingegrenzt sowie eine feste Trennung zwischen öffentlicher Verantwortung und privatem Risiko gesetzlich und in dem Bewusstsein verankert.
Dieses Versicherungsprinzip schaffte und schafft schließlich die ökonomische Basis für die allgemeine Durchsetzung einer kleinunternehmerischen medizinischen Praxis und die Möglichkeit der Delegation eines Sicherstellungsauftrages für ärztlich - therapeutische Leistungen an die kassenärztlichen Vereinigungen.
Laut Eberhard Göpel sind die sozialen Konsequenzen dieser Entwicklung:
-Es wird eine scharfe Trennung zwischen öffentlicher Prävention und privater Therapie in der Medizin etabliert
-Medizinische Ausbildung, Forschung und Praxis wird allein an der Maßgabe individueller Korrektur von körperlich-seelischen Abweichungen orientiert.

Das Gesundheitswesen reduziert sich durch den Organisations- und Finanzierungsrahmen auf ein -Krankenversorgungswesen-. Der Rationalisierungsdruck im Rahmen einer ambulanten kleinunternehmerischen Krankenbehandlung führt zur Verkürzung der persönlichen Gesprächs- und Zuwendungsdauer und einem verstärkten Einsatz chemisch-physikalischer Substitute (Pharmaka, Bestrahlungen usw.).
-Der Rationalisierungsdruck im Rahmen der stationären Krankenbehandlung führt zu einer Industrialisierung der Behandlungsabläufe durch eine Standardisierung des -Krankenguts- und korrespondierender chemisch- physikalischer- technischer Behandlungsverfahren.
-Lebensgeschichtlich bedingte Erkrankungen werden so zu Krankheiten, die zwar an Menschen als Träger gebunden sind sich aber eigenständig als Waren behandeln, berechnen und konsumieren lassen und deren Inanspruchnahme als privates Konsumgut durch finanzielle Sanktionen (Selbstbeteiligung) gesteuert werden.
F.Naschold u. a. (1978): Wem die Lebensangst erst einmal tief genug in den Knochen sitzt, der scheut auch keine -Selbstbeteiligung- mehr beim Kauf der notwendigen Fitness- und Versorgungsmaßnahmen.
Solange die Angst anhält, eröffnet sich für die industriellen Marktstrategien eine Aussicht auf eine endlose Konjunktur. Auch der revolutionäre Reflex, durch eine lückenlose Prävention von Lebensrisiken der kapitalistischen Profitgier den Boden zu entziehen, entpuppt sich zunehmend als Sackgasse:
Weder ein autoritärer noch ein faschistischer Zugriff auf die Volksgesundheit, noch das gentechnologische Herumbasteln an einer todesresistenten Erbausstattung liefern ein hoffnungsstiftendes Bild für eine menschliche Zukunft.
Aus der Verzweiflung heraus über die auffällige Einseitigkeit der bestehenden vorherherrschenden Sicherheits- und Heilkonzepte und aus der Hoffnung heraus auf eine Lebensweise, in der Menschen anteilnehmende Liebe, Wissen und Können für die gemeinsame Lebensgestaltung entwickeln könnten, entstand der Impuls zur Entwicklung einer integralen Sicht von Gesundheit und Krankheit.
Eine derartige Vision sprengte und sprengt nun erst recht den Rahmen der Zuwendung auf Krankenschein und könnte das über das Geld vermittelte -Prostitutionsverhältnis- der professionellen Therapeuten und der Ärzte aufkündigen, zumindest zu einer veränderten Sichtweise zwingen.
Trotz des Druckes unserer neuen Gesundheitsreform oder gerade auch darum.
Das persönliche Leiden drängt gerade zu zur voraussetzungslosen mitmenschlichen Verständigung. Darin liegt die, für manche erschreckend erscheinende, Radikalität von sozialen Zusammenschlüssen, wie sie unter dem Etikett der Selbsthilfe, still und verschwiegen, in den letzten zwanzig Jahren entstanden sind. Wenn die Selbsthilfe allerdings von -oben- gefordert wird, zeigt sich, nach wie vor, in ihr ein Abwehrbemühen von sozialen Unterstützungsansprüchen. Kommt die Forderung von -unten- kommt von ihr in erster Linie der soziale Anspruch auf selbstständige Regelung der eigenen Lebenszusammenhänge zum Ausdruck.
Der Mensch behält seine Autonomie und seine Würde, die er im professionellen System zu leicht abgesprochen bekommt. Unter den Bedingungen dieser sozialen, ökonomischen und auch medizinisch- therapeutischen Abhängigkeiten hat das Aufbegehren durch das Zusammenschließen in Selbsthilfeorganisationen durchaus eine Form von Befreiung. Die Vereinigung vieler macht stark gegen das Unverständnis den Minderheiten gegenüber.
Aber es ist ein zuwenig um eine Gedankenumwälzung in der Ärzteschaft, den Krankenkassen, der Pharmaindustrie und in der Politik zu erwirken, geschweige denn ein Kippen des Systems zu erreichen.
Eher scheint es das System ja wohl zu unterstützen und es zu stabilisieren.
Die neue Gesundheitspolitik gibt dem ganzen ja noch scheinbar Recht.

Die soziale Aufmerksamkeit in früheren Gesellschaftsformationen zog sich nicht zur Gesundheit hin, eher wohl doch aber zum Umgang mit dem Leiden, Erkrankungen, dem Tod. Es galt Heilung und Tröstung für Betroffene und deren Angehörige zu finden.
Dies versuchen die Selbsthilfegruppen wieder aufzunehmen. Sie holen den Erkrankten aus dem entmündigenden Patientenstatus wieder heraus, dem Durchlauf wenig verbliebener Handlungsmöglichkeiten von scheiternden Therapieversuchen. Dies ist nicht als Negation des Ärztestandes anzusehen, wohl aber als ein Bemängeln an der starren Struktur, die wenig Spiel lässt für die Individualität des Einzelnen und somit auch seiner Erkrankung.

1.4.Selbsthilfe-Borreliose

Selbsthilfegruppen wollen nicht mit den Medizinern konkurrieren, eher suchen sie ja wohl den Kontakt und ein gemeinsames Abdecken der Anforderungen im medizinisch- sozialen Bereich, wollen sie ergänzen und ausgleichen. Wollen diesem Loch, welches unser System geschaffen hat und durch welches viele dieser an Borreliose Erkrankten fallen oder zu fallen drohen durch ein Netz die Bedrohlichkeit nehmen.
Denn es wieder zu verschließen wäre die Aufgabe des Staates.
Und es sind doch zumeist die Mediziner, die diesen Kontakt ablehnen oder ihn wenigstens erschweren!
Und es sind auch nicht wenige Mediziner die bei an Borreliose erkrankten Patienten gern das Gefühl vermitteln, dass sie als Ärzte einzig wissend sind was gut und richtig sei.
Diese Ärzte stellen den ohnehin schon verunsicherten Patienten nur zu leicht und nur zu gern als ein unmündigres, unkompetentes, dümmliches aufdringlich hysterisch Wesen dar, welches vielleicht ja nur seinen Einbildungen erliegt.
Diese Ärzte lassen ihr gegenüber deutlich spüren, das sie unfähig sind selbst zu erkennen und zu entscheiden, denn sie haben ja schließlich kein Medizinstudium absolviert.
Der Patient hat sich folglich zu fügen und in die Praxisroutine einzupassen und aufzuhören ein störendes Element zu sein. Der Götterschein muss auf jeden Fall gewahrt zu bleiben!
Diese ohnehin schon gedemütigten und verzweifelten Menschen werden von dem Trapez der Praxismanege gestoßen und oft ist da nur das Netz der Selbsthilfegruppe, welches sie auffängt und den Sturz mildert, größeren Schaden abwendet.
Ein dünnes Netz auf dem Boden der harten Realität.
An Borreliose erkrankte gelten oft als Hypochonder. Werden belächelt von den Ärzten, den Freunden und Bekannten, der Familie und am Arbeitsplatz.

2. Krankheitsbewältigung ( Coping) als Teil einer Lebenskrise

-Krisenbewältigung ( Coping ) bezieht sich auf den Versuch, den Anforderungen unserer Umwelt so zu begegnen, dass negative Konsequenzen vermieden werden.
Es gibt viele verschiedene Techniken der Bewältigung, von denen einige für bestimmte Personen in bestimmten Situationen effektiver sind als andere. ( Zimbardo Psychologie 1995 )
-Jede schwere Erkrankung stellt eine temporäre krisenhaft erlebte Zeit im Leben der Betroffenen und oder deren Angehörigen dar. In Bewältigungsphasen sind Betroffene und Angehörige oft gleichermaßen überfordert. Nach zahlreichen hoffnungslosen Versuchen das eigenen Leben wieder in den Griff zubekommen mit den bewährten bekannten Verarbeitungsstrategien, bleibt oft nur, wenn diese scheitern mussten, als einziger Ausweg und nach langer hoffnungsloser Suche im Anschluss unter den professionellen Angeboten der Krisenbewältigung, der Gang zu den Selbsthilfegruppen oder falls noch nicht vorhanden, deren Gründung.
Dort erfahren sie unter anderem Beratung, Aufklärung und Unterstützung. Sie können es für sich nutzen und es evt. auch an andere Betroffene weitergeben. Meist ist dies der erste Hoffnungsschimmer nach einer langen verzweifelten Suche um Hilfe diese Lebenskrise wieder in den Griff zu bekommen.

2.1. Was ist eine Krise?

Eine Krise erlebt ein Mensch immer dann, wenn er Herausforderungen, Belastungen oder Verlusten ausgesetzt ist, welche seine gewohnten verfügbaren Bewältigungs- und Handlungsmöglichkeiten quantitativ überschreiten, oder für die er noch keine neuen qualitativ entwickelt hat.(Karin Egidi, 1996) Es erstellt sich demnach ein Ungleichgewicht zwischen den auftretenden Anforderungen an den Betreffenden und den zu den zum gegebenen Zeitpunkt vorhandenen Möglichkeiten. Systemisch ausgedrückt bedeutet dies eine Verstörung eines existierenden Gleichgewichtes, welche verlangt, dass auf neu zu findender Ebene mit neuen Mitteln eine erneute Balance erschaffen wird. Gelingt dies nicht droht der Zusammenbruch des Systems.

2.2. Formen von Krisen

2.2.1. Entwicklungs- oder Veränderungskrisen

Unser menschliches Leben ist gekennzeichnet durch verschiedene Entwicklungsstufen, welche wir zu durchlaufen haben, die Übergangsphasen können uns irritieren und in und um uns Krisen auslösen, bis wir gelernt haben, uns mit der Veränderung auseinander zu setzten und sie als Chance der Weiterentwicklung zu nutzen. Die neue Lebensphase mit ihren Anforderungen oder Einschränkungen verlangt von uns ein Hineinwachsen, ein sie Annehmen um mit ihr zu leben. Sie verlangt, dass wir uns neu orientieren. (z.B. Pubertät, Midlife crisis)

In den Historien der Familien sind es häufig die Veränderungen wie Geburt, Einschulung, Schulwechsel, Verlassen des Hauses der Kinder, Umzüge, Trauerfälle, Scheidungen, Arbeitslosigkeit, Arbeitswechsel und die Zeiten von Krankheiten, die Auslöser für solche -Katastrophen- werden. Solch ein Übergang verlangt von uns eine Bewältigung von bis dahin Unbekanntem , welches wir erstmals -sinnlich- erleben, mit dem wir ungefragt erste Erfahrungen machen müssen, bis wir gelernt haben uns anzupassen oder darauf einzustellen.

Nach unseren Versuchen mit den erprobten Mitteln und durch quantitativ höheren Aufwandes die Bewältigung zu erreichen, müssen wir irgendwann feststellen, dass uns die Mittel bisher dafür zufehlen scheinen und wir qualitativ neue Strategien entwickeln und finden müssen. Das heißt systemisch ausgedrückt, es kalibrieren Personen oder Systeme ihre Orientierung neu bis zur Erreichung eines neuen homöostatischen Gleichgewichtes. Im Normalfall bewältigt man letztendlich doch diese Krisen.
Bleibt man in ihr aber verhaftet und findet keinen Ansatz zur Lösung, dann schließlich benötigt man begleitende Hilfe, mitunter professionelle, bis man sich allein wieder zurecht zufinden vermag. Bei Jugendlichen geschehen diese Krisen häufig im Zusammenhang mit der Pubertät.
Relativ wenig Beachtung bekommen dagegen die Krisen im Übergang zum Alter (Midlife crisis, Klimakterium) und auch im Alterungsprozess selbst, obschon sie sich hier auf grund der reduzierten Lebensperspektiven viel gravierender auswirken. Generell aber erfahren wir Menschen solche belastenden Veränderungskrisen immer dann, wenn unsere gewohnten Abläufe sich ändern und eine Neuanpassung erfordern.
Zunächst rechnet man mit folgenden Phasen:
- Konfrontation und Anspannung als erste Reaktion. Es werden bekannte bewährte Problemlösungen ausprobiert und aktiviert, die vorhandenen Ressourcen mobilisiert. Wenn dies gelingt ist die Krise beendet.
- Versagen diese Problemlösungen steigen Spannung und Druck weiter an, werden innere und äußere Hilfsmöglichkeiten weiter mobilisiert. (Freunde, Kredit aufnehmen usw.) Dieser Zeitpunkt ist oft ein erster günstiger Einstiegsmoment für externe Hilfe, zum Beispiel durch professionelle.
- Ist die selbst mobilisierte oder extern angebotene Hilfe adäquat und akzeptabel, hilft sie zur angemessenen Bewältigung und Beendigung der Krise, die Neuorientierung wird dann erfolgreich abgeschlossen. Ist die Hilfe inadäquat oder hat man keine Hilfe finden können, kann es in dieser Phase zu Rückzug und Resignation kommen. Im weiteren Verlauf bestünde dann die Gefahr einer Chronifizierung in einem dysfunktionalen oder pathologischen Gleichgewicht, systemisch ausgedrückt zum Beispiel bei: Erkrankungen, psychosomatischen Störungen, Alkohol-, Drogen-, Medikamentenmissbrauchs oder deren Abhängigkeit, Suizidalität, Kriminalität sind oft Reaktionen vor allem zur Betäubung eines großen Schmerzes.
Auch hier kann durch die Bearbeitung und Neuorientierung aus der Krise heraus gefunden werden. Die Krise wäre als somit Chance genutzt worden. Gelingt dies nicht bliebe weiter der chronische Verlauf.

2.2.2. Plötzliche traumatische Krisen

Plötzliche, traumatische Krisen überfallen uns regelrecht, unvorhersehbar nicht eingeplant. Sie können in uns das Gefühl auslösen, keinerlei Kontrolle mehr über uns und unser Umfeld zu haben, der veränderten Situation völlig hilflos ausgeliefert zu sein, keine Möglichkeit zu haben verändernd eingreifen zu können. Wir erleben es akut und drastisch. Auslöser sind häufig Unfälle, Unglücke, schwere Erkrankungen bzw. deren Diagnosen, Behinderungen, plötzliche Todesfälle, Trennungsverluste oder Kündigungen.
Katschnig et. Al. (1981); Die in Wien Auslöser für Suizidhandlungen untersuchten, fanden heraus, dass die auf solche plötzlichen Unglücke folgenden Suizidhandlungen meist sehr gravierend waren und von allen untersuchten am ehesten auch tödlich ausgingen. (Karin Egidi und Marion Boxbücher) In solchen Krisen erfuhren die Menschen sich massiv überfordert, ihr erlernten Bewältigungsstrategien griffen nicht, ihre Kapazitäten waren überlastet und nicht ausreichend, ihre Ressourcen erschöpft. Die Anpassungsleistungen, die erforderlich gewesen wären, stellten das eigene Lebenskonzept in Frage, im schlimmsten Falle drohte der Zusammenbruch, zerbrach die bisherige Lebensform sogar.
Alle Krisen, ob vorhersehbar oder die unvorhergesehenen, haben zu erwartende stereotype Abläufe in Phasen, welche sich überlappen oder auch innerhalb des Verlaufes wiederholen können. Sie zeigen auch bereits unternommene Bewältigungsschritte an.
Traumatische Krisen haben einen etwas anderen Verlauf als Entwicklungs- und Veränderungskrisen.
Zunächst erleidet der Betroffene einen Schock, ein Trauma, welches bis zu 24Stunden andauern kann und durch Erstarrung und geistige Abwesenheit gekennzeichnet ist. Diese Phase geht nach Lösung des Schocks über in die Reaktionsphase, die bis zu mehrere Wochen andauern kann.
Affektive Turbulenzen wechseln mit Apathie, tiefste Verzweiflung, Depressivität, Hoffnungslosigkeit, Wut, Feindseligkeit und Aggressivität. Immer wieder tauchen Trauer und Traurigkeit auf, schwere körperliche Begleitsymptome sind möglich, hinzu kommen noch Appetitlosigkeit, Gewichtsabnahme, aber auch regelrechte Fresssucht und Gewichtszunahme oder auch Genussmittelmissbrauch.
Also auch hier der Kontrollverlust.
Das immer wieder erfahren extremer Gefühlsgegensätze. Nichts scheint für die Betroffenen mehr zu stimmen.
Für den externen Helfer eine genauso schwierige Phase. Es ist schwer sich selbst genug abzugrenzen.
Dennoch sollte er den natürlichen Prozess möglichst nicht stören, er sollte nur begleitend und unterstützend zur Stelle sein.
Wird diese Phase erfolgreich durchlaufen stellt sich nach und nach die ersehnte Entlastung ein und die Bearbeitung mit anschließender und abschließender Neuorientierung kann beginnen.
Auf grund der heftigen Erschütterung ist bei traumatischen Erlebnissen das Bedürfnis nach professioneller Hilfe viel größer und sie wird öfter und eher aufgesucht. Bleibt man aber in dieser Phase haften drohen Resignation, Rückzug, Selbstaufgabe bis hin zu schweren Formen der Depression die in einem Suizidversuch enden können. Der psychische Zusammenbruch durch die Wucht des Traumas.

2.2.3. Suizidale Krisen

Die Gefahr zur Entwicklung in eine suizidale Krise ist als eine Art Entgleisung sowohl aus der Entwicklungs- und Veränderungskrise wie auch der traumatischen zu verstehen und möglich. Die suizidale Krise entsteht aus dem völligen Zusammenbruch einer überforderten Person heraus. Diese Gefährdung muss durchaus nicht auf die betroffene Person beschränkt bleiben. Es ist auch denkbar, dass im systemischen Miteinander die jeweiligen Partner ebenfalls gefährdet werden können. Eine Sonderform ist die chronische Suizidalität als Ergebnis von lebenslangen siuzidalen Konstellationen in familiären Systemen.

2.3. Chronifizierung einer traumatischen Krise

Ist eine Krise chronifiziert, ist ein mögliches Helfen schon erschwert. Durch das Erlangen eines pathologischen und destruktiven Gleichgewichtes, ist die Suche nach Verarbeitung und die Zuversicht es zu schaffen, meist schon abhanden gekommen. In dieser Verfassung ist der Betroffenen oft nur noch reduziert auf -sein Trauma- ansprechbar.
Mitunter ist er mit Drogen usw. zur Unterdrückung seines eigenen Schmerzes betäubt oder er hat Umwege gefunden sich in seiner hilflosen Resignation umsorgen und pflegen zulassen. so dass er in scheinbar auswegloser Regression verharren kann.
Das Wiederaufleben des alten , nur mühsam verdrängten Schmerzes wird von ihm befürchtet, aus dem er bislang ja keinen Ausweg fand. Unbewusst wird er versuchen diesem Schmerz auszuweichen. Alles dies erschwert die Hilfsangebote und macht sie doch zugleich notwendiger denn je.
Immer scheint es erforderlich an den Ort des Schmerzes zurückzukehren um hier den seinerzeit entgleisten Verarbeitungsprozess wieder aufnehmen zu können.
Es wird nun erforderlich sein, blockierte nicht gelebte Trauer zu ermöglichen.
Verluste müssen erkannt, anerkannt und betrauert werden können um das Alte loszulassen für eine Neuorientierung.
Oft ist das soziale Bezugssystem in dem der Betroffene lebt mit in der Krise selbst verhaftet. Man kann davon ausgehen, dass ein Mensch in einer Krise immer auch in seinem Verhältnis in seinem Umfeld gestört und beeinträchtigt ist und das Systemverhältnis selbst gefährdet ist.
Seine Bezugsgruppe kann, je nachdem, wie stark, zentral und nachhaltig die Erschütterung ist, in eine Art Chaos geraten, in dem die Betroffenen unangemessen auf die Verstörung reagieren, Angst und Panik haben und selber ähnliche Reaktionen entwickeln wie in der Reaktionsphase der Betroffene.
Diese wechselseitigen Interaktionen können in dieser Verfassung die Krisenspannung derartig erhöhen und verschärfen, dass es zum Zerfall des Betreffenden und oder seiner Bezugsgruppe führen kann.

Wenn eine Gruppe gemeinsam in einer solchen Krise stecken bleibt, führt es oft zu einer pathologischen Erstarrung. Bricht das am stärksten überforderte Mitglied des Systems in dieser Situation zusammen, ist ein Aufbrechen der alten destruktiven chronisch gewordenen Strukturen möglich und es besteht die Chance der Entspannung und Neuorientierung.

2.4. Was ist zu berücksichtigen bei einer chronifizierten traumatischen Krise?

Die emotionale Verfassung des Betroffenen und derer, die in seiner Krise involviert sind, bestimmen letztendlich die Handlungsstrategien. Betroffene sind zumeist extrem überfordert, desorientiert, voller Ängsten und Unsicherheiten.
Zu einer chronifizierten Krise kommen dann häufig noch extreme Ermüdung und Erschöpfung hinzu.
Hilflosigkeit und Hoffnungslosigkeitsgefühle , Panik und ständige Überforderung haben ihn längst bis an seine Belastungsgrenzen geführt.
Schamgefühl und Versagensängste persönlich nicht die Überwindung der Probleme geschafft zu haben belasten noch zusätzlich den Betroffenen.
Gefühle von Schuld, Angst weitere Male zu versagen aber auch Wut und Trauer prägen das Geschehen nachhaltig.
Aus diesem Verzweifeln entwickelt sich in Folge, wenn keine Neuorientierung möglich war, Resignation, die Entwicklung von innerlich extremer Anspannung und Erregung führen zu extremen emotionalen Schwankungen. Kognitiv werden die Betreffenden damit eingeengt in ihrer Wahrnehmungsfähigkeit, oft sehen sie Informationen und Signale verzerrt oder selektiv.
Ihre Perspektiven scheinen verengt, die Vergangenheit wird oft selektiv nur noch negativ empfunden, ebenso die Einschätzung der Gegenwart und Zukunft. Fantasien zur Veränderung der Situation.
Alternativen Neues zu entwickeln und auszuprobieren scheinen verloren gegangen zu sein.
Zuversicht und Selbstvertrauen sind längst vergangene positive Selbsteinschätzungen.
Außenstehende geraten in ihrer Hilflosigkeit nicht helfend eingreifen zu können in das Gefühl der Ausweglosigkeit.
Oft wird die Eigenverantwortlichkeit des Betroffenen auf die Helfer übertragen, die Rolle des Opfers vom Betroffenen willig übernommen. Diese erneute Abhängigkeit scheint aber seine eigene Ausweglosigkeit erneut zu verstärken. Der Kreislauf des dysfunktional gewordenen Systems scheint sich zu schließen und eine Intervention zunächst nicht mehr möglich.

2.5. Im Sinne der self- care ,was können wir tun?

Wichtig ist es für den Begleiter und Berater sich zu überprüfen:
kann ich mich den Problemen angstfrei nähern und kann ich es offen und umfassend an- und aussprechen und behandeln ohne beschwichtigen zu müssen?
Oder kann ich es nicht?
Dann ist es zum Schutz aller Beteiligten angebracht, diese Beratung anderen zu übergeben oder sie sein zu lassen.
Was ist also im Sinne der self care zu tun?
Was können wir tun?

1. Innerlich einige Schritte zurücktreten, wir sollten uns nicht von der Dramatik der Ereignisse emotional verunsichern lassen, uns nicht aus dem eigenen Rhythmus bringen lassen. Für uns und den Betroffenen klare Grenzen ziehen.

2. Die dargebotenen Probleme sollten wir versuchen darauf hin zu überprüfen, ob sie Signale für tieferliegende Struktur-, Interaktions- bzw. Kommunikationsstörungen sind und was sie auf diesen Ebenen zu zeigen haben.

3. Wir sollten überprüfen ob Suizidgefährdung besteht.

4. Es wäre zuklären, welche Personen in die Krise involviert sind, sollten versuchen alle betroffenen Personen mit einzubeziehen.

5. Um welche Form von Krise handelt es sich es?

6. In welcher Phase der Krise befindet sich der Betreffende?

7. Es ist absolut notwendig für Entlastung und Erholung zusorgen.

8. Es ist sehr hilfreich, zu versuchen die Einengungen aufzulockern und auszuweiten

9. Wir sollten auf jeden Fall die bisherigen Bewältigungsversuche und Erfahrungen erfragen

10.Die vorhandenen Ressourcen sollten herausgefunden werden und wenn es möglich ist sollten sie zur Anwendung gelangen.

11. Es ist wirklich sehr wichtig dem Betroffenen zu helfen sein Selbstwertgefühl erneut wieder zu entdecken und zustabilisieren.

12. Sicherheit, Stabilität, Zuverlässigkeit des Kontraktes zwischen Berater und Betroffenen müssen immer wieder dem Betroffenen vermittelt und verdeutlicht werden um ihm eine Vertrauensbasis zu anzubieten.

Worauf können Berater und Betroffener hinarbeiten?
Welche Perspektiven kann der Berater mit dem Betroffenen entwickeln?
Welche Motivationen aktivieren?
Welche Möglichkeiten sind in diesem Handlungsrahmen gegeben?
Welche realisierbaren Ziele könnte man sich gemeinsam setzen?

Einige könnten sein: Ursprüngliche oder neue Entscheidungsfähigkeit (wieder-) gemeinsam erarbeiten und herstellen die Aktivierung der eigener Verantwortlichkeit wieder aufbauen und unterstützen, überlegen wie es in realisierbaren Schritten erreichbar ist, sowohl die Aktivierung eigener Fähigkeiten, als auch die der Familie und des Netzwerkes falls vorhanden, gegebenenfalls deren Neuaufbau.
Es ist auch förderlich Ereignisse, Geschehnisse und Zusammenhänge aus der Vergangenheit zu erforschen, um dort die eigenen Ressourcen wieder neu zu erkennen und in der Gegenwart aufzubauen um sie in der Zukunft erneut anwenden zu können.
Alte destruktive Muster sollte man versuchen behutsam aufzulösen um neue Modelle ausprobieren und einsetzen zu können.

-In jedem Kontext muss ich die Lösungen finden, die die individuelle Konstellation anbietet und verlangt-(Rausch, 1991)


2.6. Belastungen für den / die Berater

Ob man im Team oder allein arbeitet, stets sollte man die -self care- Regeln beherzigen. Es besteht immer die Möglichkeit der Übertragung von Symptomstrukturen seitens des Klienten auf den Berater und evt. wenn vorhanden darüber hinaus in das Team.
Nicht alle haben die Chance durch die sogenannte Supervision diese potentiellen Gefahren zuerkennen und vorbeugen zu können. Gerade in den Zeiten der Überarbeitung , in Stresszeiten und wenn strukturelle Veränderungen anstehen ist diese Gefahr besonders groß.
Wenn die Bewältigungskapazitäten ausgeschöpft worden sind ist die eigene emotionale Stabilität oft brüchig. In einer Gruppe wird dann einer Person, welche womöglich öfter fehlt, schlimmeren Falles Illoyalität unterstellt. Zweifel entstehen dann leicht aneinander. Zügig bilden sich Koalitionen gegen die als illoyal geltende Person, denen Schuldzuweisungen und Ausgrenzungen folgen.
Brüchigkeit der Kontakte fängt sich an zu zeigen. Beziehungen werden dann nicht mehr gepflegt, der Zeit werden andere Prioritäten gesetzt. Unsicherheiten über die eigenen Kompetenzen und Leistungen Einzelner können sich entwickeln. Eine Art Klima von Inkompetenz könnte sich heraus kristallisieren.
Starre Grenzen der intakten Identität nach außen, um den Schein eines funktionierenden Systems zu waren, werden erschaffen. Die Grenzen aber werden diffus, unklare Strukturen entstehen in dem inzwischen dysfunktionalen System.
Die Toleranz gegenüber des Anderen im System in seiner Verschiedenartigkeit und seinen ihm eigenen Interessen scheint verloren zu gehen.
Vereinnahmung Einzelner in der Gruppe bestehen auf der einen Seite und Ausgrenzung anderen gegenüber wuchern auf der anderen Seite, es folgt die selektive negative Wahrnehmung . Fremde Leistungen werden destruktiviert. Mitglieder des Systems können -vergessen- werden, ein Schattendasein führen.
Sind diese destruktiven Prozesse erst einmal in Gang gesetzt verschlingt es viel Zeit und Energie um die Arbeitsfähigkeit der Einzelnen und in und mit der Gruppe wieder herzustellen.
Die belastenden Prozesse führen zu Erschöpfungszuständen.
Die Funktionalität der Gruppe ist gestört.
Die Berater brauchen aber um wirklich helfen zu können ein entspanntes offenes Arbeitsklima, eine gut funktionierende Abgrenzung und ein stabiles Selbstwertgefühl sowie einen funktionierenden klaren Kontaktaustausch mit den anderen der Gruppe.
Sie brauchen Menschen, welche ihr Arbeitsfeld kennen.
Eine gute Supervision ist eine inzwischen überall anerkannte Arbeitsbedingung, leider aber nicht durchaus üblich bei den Laienbetreuern, teils aus Unwissenheit, teils aus finanziellen Gründen.

2.7. Von Krisen, Grenzen und Regeln

-Stellen Sie sich vor, ich sei blind und ich habe einen Stock. Ich mache tap, tap, tap.

Wo fange ich an?
Ist mein geistiges System an dem Griff des Stockes zu Ende?
Ist es durch meine Haut abgegrenzt?
Fängt es in der Mitte des Stockes an?
Oder beginnt es an der Spitze des Stockes?

Aber das sind alles unsinnige Fragen. Der Stock ist ein weg, auf dem Umwandlungen von Unterschieden übertragen werden. Die richtige Weise, ein System abzugrenzen, besteht darin, die Grenzlinie so zu ziehen, dass man keinen dieser Wege in einer Weise durchschneidet, die die Dinge unerklärbar macht.
Wenn das, was man zu erklären versucht, ein gegebenes Stück Verhalten ist, etwa die Fortbewegung eines Blinden, dann wird man hierfür die Straße, den Stock und den Mann benötigen, die Straße den Stock und so weiter, immer wieder im Kreis herum.
Wenn sich der Blinde aber hinsetzt, um zu essen, werden sein Stock und dessen Nachrichten nicht mehr relevant sein - sofern es das essen ist, was man verstehen möchte- (Bateson 1981)
Bateson beschreibt hier den Beobachter, der den Begriff Stock zur Beschreibung der Grenze zwischen sich und seiner Umwelt benutzt (strukturelle Koppelung).
Grenzen sind im sozialen System das, was für die Biologen bei der Zelle ihre Membran ist. In sozialen Systemen entstehen die Grenzen durch die Vereinbarungen darüber wer und was zum System gehoehren soll und wer und was nicht. Darüber wird auch definiert, was den Kern der Identität des Einzelnen und seine Sinngebung ausmacht und was nicht.
Soziale Systeme konstituieren ihre Grenzen also der Frage des Sinnes entlang und bestimmen welche Elemente und Handlungen dazu gehören sollen und welche nicht.

Minuchin unterscheidet drei Formen von Grenzen:
starre, klare und diffuse, je nachdem, wie die Subsysteme in einer Gruppe (z.B. Familie) voneinander und wie die Gruppe nach außen abgegrenzt ist.

Die Ausgrenzung eines Systems...und die Trennung zwischen System und Umwelt ist ein Artefakt, dessen Konstruktion für unseren begrenzten menschlichen Geist im Hinblick auf die Beantwortung bestimmter Fragen notwendig ist und sinnvoll sein kann Gleichwohl ist wichtig, sich dieser artifiziellen Begrenzung bewusst zu sein. (Kriz, 1996)
In der systemischen Beratung ist das Offenlegen, Definieren und Infragestellen bisheriger Grenzziehungen wichtig. Zur Durchführung der Grenzen werden in allen sozialen Systemen Rituale und Regeln geschaffen. Somit existieren sie auch in pathologischen und dysfunktionalen In den Regelungen wiederum wird die Ordnung für das gültige System festgelegt. Es sichert ihren Fortbestand und ermöglicht ein Weiterbestehen. Aus der Möglichkeit zum Chaos hin wird durch Rituale und Regeln eine Form von Struktur und Stabilität erschaffen.

2.8. Krise: Borreliose

Da das Krankheitsbild der Borreliose sehr vielfältig ist, ist von daher der Weg zur Bewältigung auch immer entsprechend unterschiedlich. Das eigene Unverständnis über den Kontrollverlust des Körper über sonst alltägliche Funktionen, das Unwissen über die Weiterentwicklung, über den Verlauf der Erkrankung machen es schwer für jeden einzelnen ein neues Überlebenskonzept zu entwickeln.
Nach Phasen der Linderung können neu aufbrechende Schübe zu schweren seelischen Problemen führen, welche dann zu der körperlichen Verfassung erschwerend hinzukommen.
Hoffnungslosigkeit und Ängste, Unsicherheiten bei sich selbst, das Nicht- Verstehen bei den Menschen aus dem persönlichen Umfeld auf der anderen Seite erschweren einen Bewältigungsweg.
Ein Akzeptieren und ein Annehmen dieser heimtückischen kaum erforschten Krankheit ist ein harter langer Weg. Trost erfahren die meisten nur von anderen Betroffenen, die aus diesen Schüben hinaus gelangten und zu Mut auffordern, die versuchen ein Aufgeben abzufangen.

3. Systemische Krisenintervention und Begleitung

Der Ameisenstamm
Gab es einst einen Ameisenstamm, bei dem es eine Regelung gab welche besagte, dass, sofern es eine Ameise desselben Stammes sei, sie sodass sie sich auf dem Weg zum Futter begab, derweil dabei auf eine andere Ameise ihres Stammes traf, sich dieser anzuschließen habe, um hinter ihr herzulaufen, ihr zu folgen.
Dieses System hatte sich bewährt und dem Stamm zu großem Ansehen und Wohlstand den anderen Stämmen gegenüber verholfen. Lange Zeit waren die Futterquellen damit gesichert. Der Stamm wuchs und gedieh. Nun begab es sich aber, als erneut eine Ameise sich auf Suche nach einer Futterquelle aufmachte, dass viele ihres Stammes ihr nachfolgten sodass die Kette der Ameisen am Ende recht lang wurde. Irgendwann stieß die erste Ameise selbst auf eine andere ihres Stammes und beschloss, den alten Regeln nach, ihr zu folgen. Willig schloss sie sich der Ameise vor ihr an.
Nun bemerkte sie aber auf grund der langen Kette nicht, dass sie selbst ursprünglich die erste Ameise war und die andere eigentlich die letzte. Die erste Ameise wurde nun erste und letzte Ameise zugleich und damit schloss die Kette sich zu einem Kreis. Die Ameisen liefen ab diesem Zeitpunkt ständig im Kreis ohne es zu bemerken. Sie liefen unermüdlich hintereinander her, gefangen in diesem Kreis. Sie drohten zu verhungern, denn niemand war in der Lage das bewährte Prinzip zu durchbrechen.

Wenn wir nun zum Wohle unseres Stammes systemisch eingreifen wollten, im Sinne der -Verstörung-, würden wir ein Brett zwischen zwei der Ameisen legen um diese Kette zu unterbrechen.
Wenn uns dies gelänge, wäre das alte Muster außer Kraft gesetzt, es wäre -verstört-. Die erste Ameise hinter dem Brett müsste einen neuen weg finden und damit wäre die Chance auf Neuorientierung und die Intervention wäre beendet. Die Krise wäre abgewendet.

Krisenintervention- und Begleitung gab es sie schon immer?
-Nicht die Dinge an sich beunruhigen uns, sondern die Bedeutung, die wir ihnen geben- (Epiktet ) Epiktet macht uns hier knapp und klar deutlich, dass unsere heutigen Konzepte und Gedanken keineswegs von uns neu erfunden sind in der Geschichte der Menschheit Jedoch stets wieder und neu entdeckt und erweitert und weiterentwickelt wurden und werden um den Ansprüchen der heutigen Zeit genüge zu tun. Menschen in einer Krise, einer Lebensphase, die eine Notwendigkeit einer Neuorientierung erfordert, sind oft gebunden an Gefühle starker Angst und seelischen Leids.
Sind ihre Erklärungsmodelle häufig an -Ursache-Wirkung- und -Entweder - Oder -Denkmuster verhaftet.
Menschen in veränderten, zunächst als bedrohlich erscheinenden Lebensveränderungen, empfinden dies als eine Art hilf- und wehrlos Ausgeliefert sein. Sie erleben ein Gefühl von Ohnmacht, nicht ausreichende Bewältigungsstrategien zur Beendigung dieses Zustandes zur Verfügung zu haben. Beratung kann auf die Einbettung der Krise in den jeweiligen Kontext hinzielen und die Fokussierung auf bedeutsame Wechselwirkungen können neue Sichtweisen ermöglichen und somit zusätzliche neue Optionen auf der Denk -, Empfindungs- und Handlungsebene schaffen.
Die Auseinandersetzung mit Konzepten innerhalb der Beratung ermöglichen den Betroffenen neue Identitätskonstruktionen zu entwickeln , liebgewordene Gewohnheiten und Sicherheiten zu hinterfragen, neue Lebensmodelle, der jeweiligen Situation angepasst, zu entwickeln und somit ein Stück Lebensqualität zurück zu erlangen.
Immer schon haben die Menschen einander Rat gesucht und einander Rat gegeben . Früher war er vielleicht verstärkt in die Theologie hinein verpackt worden, in das persönliche Umfeld von Freunden und Familie oder in der Freizeit, auf der Arbeit, selbst bei den Prostituierten wurde Rat gesucht.
Heute hat die Veränderung unserer Lebensweise und die Veränderung von unseren Lebensansichten und die zunehmende Anonymität als Folge dessen, auch immer mehr die Krisenbegleitung in die Hände von wenigen aber hochqualifizierten Kräften gelegt, was aber auch gleichzeitig die Gefahr mit sich bringt immer mehr von unserer Autonomie in die Obhut dieser hochqualifizierten einzelnen ausgewählten Personen zu legen die uns nun als Preis eine Art Opferhaltung abverlangen, uns unsere Kompetenzen und Entscheidungsfreiheiten absprechen.

Eine schleichende Entmündigung scheint sich uns gegenüber zu vollziehen.

Der Therapeut und / oder der Arzt weiß es selbstverständlich viel besser was uns fehlt, hat er allein die Kompetenz die richtige Diagnose zu erstellen und damit liegt es in seiner Hand den Therapieplan zu erstellen und in seinen Händen liegt seine Macht, im Gegenzug unsere Ohnmacht, wie wir ausschließlich durch ihn Gesundung erfahren können , lassen wir uns durch die Spezialisierung aller Bereiche nur allzu gern suggerieren, dass wir unfähig sind ohne Spezifizierung der Symptomatik unter Anleitung einer sogenannten Fachkraft die Probleme selbstständig und allein zu meistern.

3.1. Lebenskrisen

Krise leitet sich ab von dem lateinischen Wort crisis und definiert sich als Entscheidung, oder auch entscheidende Wende. Intervention bedeutet ein Dazwischentreten, ein (vermittelndes) Eingreifen, eine Einmischung...

Ein Mensch der sich in einer Krise befindet, eine für ihn scheinbar ausweglose Situation, getrieben durch starke Angst- und Verzweiflungsgefühle, welche ihn sogar in Selbsttötungsgedanken- und Handlungen verstricken können oder in Bewegungslosigkeit erstarren lassen, motiviert häufig private und professionelle Helfer, die es als Einladung verstanden wissen, aktiv eingreifen zu müssen.
Leider werden dann allzu schnell -aus gut gemeinten und anerkennungswerten Motiven- voreilige Ideen entwickelt, um die unerträgliche Situation für den Betroffenen zu beenden, ihn zu beschützen, Verantwortung für ihn zu übernehmen- oftmals leider auch ungefragt.
Als Folge wird dann allzu schnell vergessen, dass sich dort zwar ein Mensch aktuell in einer schwierigen, stark belastenden Situation befindet, der aber zuvor schon jahre-, jahrzehntelang sein Leben kompetent selbstständig gemeistert hat.
Dieser Mensch ist eingebunden in ein soziales Netzwerk, er verfügt über Ressourcen um auch diese Zeit für eine ihm angemessene , passende Weise zu gestalten, selbst für sein Leben zu entscheiden.
Helfer agieren mitunter ohne vorher die Bedeutung zu erkunden, die diese stark belastende Lebenskrise für den jeweiligen Menschen in seinem sozialen Umfeld enthält. Ohne die möglichen Auswirkungen der Intervention innerhalb dieses Kontextes dahingehend zu überprüfen, ob die Intervention - im Sinne des Betroffenen- eher nützlich und hilfreich oder- gemäß dem Motto:
Bitte nicht helfen, es ist auch so schon schlimm genug! - eher schädlich ist.
Die Erfahrungen der Autoren Karin Egidi. Dipl.-Psych. Ausbilderin für systemische Therapie am Institut an der Ruhr in Bochum und Marion Boxbücher, Dipl.-Psych. Ausbilderin für systemische Therapie (Rheinische Gesellschaft für systemische Therapie RGST), Institut an der Ruhr in Bochum, hiermit prägten sie zusehend dahingehend, dass sie ihre Arbeit nun mehr eher als Krisenbegleitung weniger denn als Krisenintervention zu verstanden gewusst haben wollen.
Sie machten die Erfahrung, dass Intervention häufig mit der Vorstellung besetzt ist, dass Außenstehende besser wissen, was in der jeweiligen Situation wirksam und hilfreich ist. Indem sich Menschen in Krisensituationen als besonders hilflos, defizitär und inkompetent erleben, laden sie ihrerseits natürlich auch dazu ein, die Entscheidungsverantwortung für sie zu übernehmen.
Es wurden daraus resultierend Konzepte entwickelt um mit diesen Problemen besser umgehen zu können. Sie erwiesen sich in der systemischen-konstruktivistisch orientierten Krisenintervention/ Begleitung und Beratung als nützlich.

3.2. Systemisch-konstruktivistisches Denken und Handeln

In Abkehr von einer Sichtweise, die das Individuum abhängig von linearen Ursache- Wirkungszusammenhängen betrachtet, erweitert die systemische Perspektive den Aufmerksamkeitsfokus. Im Mittelpunkt des Interesses steht der Mensch im Kontext seiner relevanten Beziehungen. Der Mensch wird als Teil eines lebenden Systems gesehen, der durch zirkuläre Beziehungen in einem sozialem Netzwerk eingebettet ist.
Jedes System wiederum ist eingebunden in eine natürliche wie auch gesellschaftliche und kulturelle Umwelt, mit der es ebenfalls in vielfältigen Wechselwirkungsprozessen verknüpft ist. Z. B. Partnerschaft- Familie- Nachbarschaft- Gemeinde-Gesellschaft).
Die Systemgrenze bzw. das, was wir als System oder als Teil eines Systems betrachten, existiert nicht per se, sondern nur aufgrund einer Entscheidung, welche wir als Beobachter treffen (konstruktivistische Wende). Mit Regeln und Übereinkünften wird festgelegt, was in dem jeweiligen System erlaubt und verboten, was als gestört, krank oder gesund gilt.(Karin Egidi,1996) Die Betrachtungsebene einer Krise im Kontext der Erlebenswelt und Lebensgeschichte des Betroffenen zielt immer darauf hin, die Wechselwirkungen wahrzunehmen, der Krise ihren sinnvollen Platz im Lebensvollzug zu geben und damit auch wieder stärker die Handlungs- und Entscheidungskompetenzen der einzelnen in den Vordergrund zu rücken. Die Orientierung auf den eigenen Handlungsraum ermöglicht die Ausweitung des Blickwinkels und eine positive Auswirkung auf das subjektive Krisenerleben.

3.3. Wirklichkeiten

Was sind Wirklichkeiten?
Was ist wirklich?
Wer legt fest, was wirklich ist?


Ein System ist nicht ein Etwas, das dem Beobachter präsentiert wird, es ist ein etwas, das von ihm erkannt wird-(Maturana1982)

Ein System wird nicht als etwas angesehen, was es gibt, sondern als etwas was man in Beziehung zu demjenigen sieht, der es erkennt. Aber was gibt es dann? Realität kann nie lösgelöst vom Betrachter gesehen werden.

Systeme erkennen Systeme ( Schiepek 1987)

Die Frage, ob >Wirklichkeit< unabhängig vom erkennenden System existiert, ist müßig ( Kriz 1981)

Wirklichkeiten sind die Summe differenzierter Unterscheidungen, resultierend aus unseren Wahrnehmungen, Informationen und unserer Interpretation dazu. Wirklichkeiten können demnach niemals isoliert ohne ihren Beobachter gesehen werden.
Das heißt aber dann auch es gibt nicht die eine Wirklichkeit.
Wenn aber Wirklichkeiten nicht lösgelöst vom Betrachter gesehen werden können, wie definiert man sie dann? Wenn also Wirklichkeiten Konstrukte eines Beobachters, eines System sind, gibt es kein richtig oder falsch, sondern nur eine Absprache zwischen einzelnen Systemen zur Verständigung, zur Kommunikation, gibt es nur eine Einigung über Wirklichkeiten. Aus einer systemischen Weltansicht heraus müsste dann aber der Respekt folgen vor allen, die die Komplexität der Welt zu reduzieren und auf immer neue Weise in Konzepte zu bringen vermögen, die sie als Landkarten und Handlungsleitlinien anbieten.
Da aber der Betrachter immer in ein System eingebettet lebt, kann man diesen Prozess nicht als einen individuellen, sondern nur als einen gemeinschaftlichen verstehen.
Wird Krankheit Borreliose den oft schwer Erkrankten gegenüber, die Verzweiflung und Hilflosigkeit in welche die Betroffenen geraten ist oft Kern des Gespräches.

NAKOS, 2000/1, Lokale / Regionale Selbsthilfe- Unterstützung in Deutschland, http://www.nakos.de
Friedrich Glast, 2000, Selbsthilfe in Konflikten, Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart Was ist Krankheitsbewältigung http://home.t-online.de/home/Riebienski/krankheitsbtext.htm
Krankheitsbewältigung aus psychologischer Sicht http://www.bechterew.de/79wendtner/79wendtner.htm
Henning Dassler, 1999, Emotion und pädagogische Professionalität. Die Bedeutung des Umgangs mit Gefühlen für sozialpädagogische Berufe, Dissertation TU Braunschweig
Thomas Schwarz, 1999, Die Diskussion über Gesundheit in der Sozialpolitik unter dem Aspekt des Konzeptes der Risikogesellschaft, Dissertation TU Braunschweig Folien zur Vorlesung: Krankheitsbewältigung und Psyche (LMU München) http://www.kjp.med.uni-muenchen.de/download/coping.pdf
Klinik und Therapie der Lyme- Borreliose www.rzuser.uni-heidelberg.de/~cn6/zecken/hassler.htm - 56k Borreliose, ein Stich was nun? www.rzuser.uni-heidelberg.de/~cn6/zecken/hassler.htm - 56k
Borreliose Zusammenfassung www.s-direktnet.de/homepages/aklittich/borreliose.htm - 28k
Zeckenborreliose von Wilfried Krickau, Jürgen Helfricht Südwest-Verlag (April 2003) Borreliose A-Z für Betroffene und Ärzte : Mit einer Einführung in die Hoch-Dosis-Intervall-Therapie von Günther Binnewies Borreliose-Selbsthilfe-Verein Heidenheim/Brenz e.V.
Lyme-Borreliose von Dieter Hassler Urban & Vogel (1992)
Borreliosen von Wilfried Krickau Edition W. Krickau (2003)


  
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