Zur Situation der Borreliose-Kranken in Thüringen Neu!!! Neu!!!

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Zur Situation der Borreliose-Kranken in Thüringen

Die Borreliose Selbsthilfegruppe Jena ist vor viereinhalb Jahren entstanden. Inzwischen erreichen uns, da wir auch im Internet zu finden sind, Anfragen aus ganz Thüringen. Die häufigste Frage lautet: Können Sie mir einen Borreliose-erfahrenen Arzt nennen?

Noch vor der Gründung unserer Gruppe im November 2002 habe ich die Beraterin der Landesärztekammer nach Ärzten gefragt, an die man Borreliose-Betroffene im Thüringer Raum verweisen könnte. Das Gespräch ergab: Es gibt keinen „Facharzt für Borreliose", was mir bekannt war. Doch auch eine Liste von Dermatologen und Neurologen ist hier nicht hilfreich. Denn Borreliose ist weder eine Haut- noch eine Nervenkrankheit, sie kann sich lediglich in Haut und Nerven wie auch allen anderen Organsystemen manifestieren.

Wenn es schon keine Spezialisierung gibt, wäre es wichtig, dass die Ärzte aller Fachrichtungen die Möglichkeit einer Verdachtsdiagnose „Borreliose" gelten lassen, entsprechende differential-diagnostische Schritte unternehmen und im Bestätigungsfall auch eine Therapie einleiten. Aus Gesprächen mit Betroffenen und aus eigener Erfahrung wissen wir, dass dies oft genug nicht der Fall ist. So wird etwa bei bestehender Diagnose „Borreliose" (beruhend auf Symptomatik und positiver Serologie) keine Behandlung begonnen, oder es existiert nach einmaliger Behandlung und ausbleibendem Therapieerfolg Unsicherheit über das weitere therapeutische Vorgehen.

Dazu kommen die gar nicht erst gestellten Diagnosen, obwohl seitens der Patienten eine Borreliose für möglich gehalten wird oder Verdacht auf ein Rezidiv besteht. Ausgesprochen problematisch ist die Weiterführung der Therapie bei fortbestehender Borreliose. Infusionen oder aufwendige orale Therapieansätze (z.B. GASSER, DONTA, Dresdener oder Heidelberger Schema), die bei Borreliose im fortgeschrittenen Stadium angezeigt wären, werden – wenn überhaupt – nur selten verordnet. Aus Sicht der Betroffenen ist es inakzeptabel, wenn bei einem Rezidiv im Fall einer chronischen Borreliose einer antibiotischen Therapie nicht zugestimmt wird. Sind drohende Regressfordeungen hierfür der Grund? Ebenso ist es unverständlich, wenn der Patient nach einmaliger antibiotischer Therapie bei zunehmend neuen, beängstigenden Symptomen lediglich auf die in einem halben Jahr ohnehin geplante erneute Blutkontrolle verwiesen wird, ohne dass differentialdiagnostische Schritte angestrebt werden oder die Behandlung fortgesetzt wird. Es sollte bekannt sein, dass die serologische Untersuchung keine schlüssige Aussage über den Therapieerfolg zulässt und eine Borreliose im fortgeschrittenen Stadium eine klinische Diagnose ist, d. h. dass die Symptomatik zur Diagnose heranzuziehen ist. Außerdem kennen viele Betroffene mit Borreliose im fortgeschrittenen Stadium Diagnosen wie: Simulant – psychosomatisch bedingt – Borreliose? Modekrankheit – alles Hysterie. Fehlentscheidungen bei bestehender Wanderröte nach bekanntem Zeckenstich und Verweigerung einer antibiotischen Therapie kommen auch in jüngster Vergangenheit noch vor.

Andererseits sind wir in Jena und anderen Thüringer Städten in der glücklichen Lage, Haus- und Hautärzte zu haben, die sich der Borreliose-Patienten annehmen. Aber Spezialisten sind diese Ärzte im Allgemeinen natürlich nicht. Das können sie nicht sein und brauchen sie auch nicht zu sein. Zu ihren behandelnden Ärzten haben die Mitglieder unserer Selbsthilfegruppe ein vertrauensvolles Verhältnis, wobei noch vor vier bis fünf Jahren große Unsicherheit die Situation bestimmte. Nur so ist es zu erklären, dass viele unserer SHG-Mitglieder Patienten von Sanitätsrat Dr. med. Wilfried Krickau in Dresden (seit Sommer 2003 altershalber nur noch Privatpraxis) waren, zum Teil auf Empfehlung ihrer Ärzte. Inzwischen wird in problematischen Fällen auch Dr. med. Gernot Kratzsch in Ulm aufgesucht.

Wenn wir von Ratsuchenden nach einem Borreliose-erfahrenen Arzt gefragt werden, wagen wir einen Jenaer Internisten zu nennen, der sich unter Vorbehalt bereit erklärt hat, Spätborreliosen zu behandeln, eine Praktische Ärztin sowie einen weiteren Internisten und einen Erfurter Umweltmediziner (für die Diagnostik). Vereinzelt können wir auch für andere Thüringer Städte einen Arzt nennen. Im übrigen verweisen wir auf Dr. Kratzsch (Ulm), Dr. Klemann (Pforzheim), Ärzte in Hessen und Niedersachsen, die Kasseler Selbsthilfegruppe, die Selbsthilfegruppen im nordfränkischen Raum. Die genannten Ärzte wie auch andere den Selbsthilfegruppen bekannte Ärzte sind total überlastet. Hinzu kommt, dass diese Ärzte sich in der Regel mit Regreßforderungen auseinanderzusetzen haben. Die Ärztesituation für Borreliose-Betroffene ist als völlig unzureichend zu bezeichnen.. Betonen möchte ich, dass es sich keinesfalls um ein Thüringen-spezifisches Problem handelt. Über gleichartige Verhältnisse wird deutschlandweit geklagt.

Fallbeispiel einer 64-jährigen Patientin (inzwischen 67 Jahre)

Erkrankungsbeginn 1998 mit starken Rückenschmerzen. Etwa zehn Jahre zuvor war nach einem Zeckenstich eine Wanderröte antibiotisch behandelt worden. Trotz orthopädischer Behandlung verschlimmerten sich die Beschwerden.

Im Jahr 2000 erfolgte eine erneute Kontrolle der Borreliose-Serologie mit eindeutig positiven Befunden, aber die Diagnose „Borreliose" wird angezweifelt. Überweisung zum Internisten, Hautarzt, Neurologen und Orthopäden. Immer wieder wurden Erkrankungen vermutet, die dann durch aufwendige Untersuchungen ausgeschlossen werden mussten. Eine spezifische Behandlung der Borreliose erfolgte jedoch nicht.

Auf Anregung der Orthopädin, die die Schmerzen nicht einordnen konnte, erfolgte dann 2002, allerdings ohne Überweisung, die Vorstellung bei Dr. Krickau in Dresden. Er beschäftigt sich bereits seit vielen Jahren mit der Erkrankung Borreliose. Aufgrund der serologischen und klinischen Befunde sowie der Anamnese bestätigte dieser Arzt erstmals die Diagnose „Borreliose" und behandelte entsprechend.

Seit 1998 haben sich die Beschwerden (Nervenschmerzen) verstärkt und auf die Beine, den Hals, den Kopf und die Arme ausgebreitet. Neben einer ständigen Behandlung mit physiotherapeutischen, schmerztherapeutischen und naturheilkundlichen Maßnahmen ist einmal jährlich eine antibiotische Behandlung erforderlich.

Hoffnungen und Erwartungen für die Zukunft

Auf Anregung durch den neu gegründeten Bundesverband Zecken-Krankheiten BZK Ende 2005 und nach intensiver Vorbereitung durch den BZK lud die Patientenbeauftragte der Bundesregierung Frau Kühn-Mengel zu einem Expertengespräch am 26. Oktober 2006 nach Berlin ein. Beteiligt waren außer dem Mitarbeiter des Gesundheitsministeriums die Vertreterin des Robert-Koch-Instituts, Berlin, ein Spezialist für Epidemiologie, Borreliose-erfahrene niedergelassene Ärzte und Vertreter der beiden Patientenorganisationen Borreliose Bund Deutschland e.V. und Bundesverband Zecken-Krankheiten e.V. Die Beteiligten hatten Gelegenheit, aus ihrer Sicht Schwerpunkte der Borreliose-Problematik anzuszusprechen.

Ein wesentlicher Diskussionsgegenstand des Expertentreffens waren die "Gesundheitspolitischen Forderungen: Lyme-Borreliose" des BZK e.V. Einige seien hier kurz erwähnt:

- Entwicklung eines Gesamtkonzepts zur Verbesserung der Prävention, der epidemiologischen Forschung und Datenerhebung, der Diagnostik und Therapie.

- Einsatz von öffentlichen Forschungsgeldern zur Schwerpunktforschung im Bereich der Borreliose und anderer von Zecken übertragenen Infektionserkrankungen.

- Aufnahme der Borreliose ins Infektionsschutzgesetz.

- Überarbeitung der Leitlinien der Ärztefachgesellschaften zur Diagnostik und Therapie der Borreliose auf der Grundlage neuester Forschungsergebnisse und unter Einbeziehung erfahrener Ärzte un Selbsthilfevertreter.

- Anerkennung der chronischen Borreliose und diesbezüglich Formulierung diagnostischer Kriterien.

- Entwicklung von Mindeststandards im Bereich der Serologie und der mikrobiologischen Nachweisverfahren.

- Errichtung von Kompetenzzentren bzw. -netzen für die von Zecken übertragenen Erkrankungen.

- Umfassende Aufklärung der Bevölkerung über die Risiken, die Schutzmaßnahmen, aber auch über die Unwegsamkeiten bei der Diagnose und Behandlung unter Einbeziehung von möglichen Multiplikatoren (Gesundheitsämter, Berufsgenossenschaften, Krankenkassen, Betriebsärzte, Schulen usw.).

Die schnellstmögliche Umsetzung dieser Fordeungen ist dringend erforderlich, da infolge des globalen Klimawandels die Zahl der durch Zecken übertragenen Erkrankungen ständig ansteigt. Wir hoffen zuversichtlich, dass von den zuständigen Stellen schrittweise zielstrebig an der Realisierung dieser Forderungen gearbeitet wird.

Schlussbemerkungen

Die von Zecken übertragbaren Infektionskrankheiten FSME und Borreliose rücken zunehmend in das Bewusstsein der Bevölkerung. Auch seitens der staatlichen Stellen in Thüringen wird der Bedeutung der Borreliose Rechnung getragen. So besteht seit 2003 in Thüringen für Borreliose Meldepflicht.

Als Selbsthilfegruppe und Mitglied im Bundesverband Zecken-Krankheiten e.V. BZK sehen wir den Schwerpunkt unserer Arbeit in der Prävention. Im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit möchten wir aufklärend wirken, um das Infektionsrisiko zu vermindern, und im Krankheitsfall helfen, sich richtig zu verhalten, um Spät- und Folgeschäden möglichst auszuschließen.

Fest steht: Eine zeitig erkannte und behandelte Borreliose ist mit größerer Wahrscheinlichkeit heilbar als eine erst nach längerem Bestehen der Infektion als Borreliose erkannte Erkrankung. Chronische Borreliosen können für den Betroffenen einen schwerwiegenden Verlauf bis hin zur Invalidisierung nehmen, zu einer erheblichen sozialen Belastung der Familien führen und zu einem Kostenfaktor für die Gesellschaft werden.

Es besteht also hinreichend Grund für alle, die Verantwortung tragen bzw. sich verantwortlich fühlen, gemeinsam dafür zu wirken, daß schwere Borrelioseverläufe möglichst vermieden werden. Als Borreliose Selbsthilfegruppe Jena sind wir bereit, unseren Beitrag zu leisten.

Sabine Klaus
Borreliose Selbsthilfegruppe Jena Aktualisiert: April 2007
  
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